Bericht von der 67. Jahrestagung der Permanent International Altaistic Conference (PIAC) in Gotemba, Shizuoka, Japan, 26.–30. August 2025

Bitig Türkoloji Arastırmaları Dergisi, Bahar 2026 / 1: 76-85.

Makale Gelis Tarihi: 09.03.2026 – Makale Kabul Tarihi: 30.03.2026 – Makale Yayın Tarihi: 15.07.2026

Bericht von der 67. Jahrestagung der Permanent International Altaistic Conference (PIAC) in Gotemba, Shizuoka, Japan, 26.–30. August 2025

Michael Knüppel*

* Prof. Dr. Dr., Arctic Studies Center (ASC), Liaocheng University (LCU) / (China). E-Mail: michaelknueppel@gmx.net, ORCID ID: 0000-0002-6348-5100.

Vom 26.–30. August 2025 wurde in Gotemba, Shizuoka, Japan die 67. Jahrestagung der Permanent International Altaistic Conference (PIAC), die unter dem thematischen Schwerpunkt “Retrospect and Prospect of Altaic Studies” stand, ausgerichtet. Präsidentin und somit Gastgeberin war in diesem Jahr Dr. Junko Miyawaki-Okada. Die Veranstaltung selbst fand dabei in den Räumlichkeiten des RINRI Instituts for Ethics in Gotemba, am Fuße des Fujiyamas, statt.

Eröffnet wurde die Tagung, nach der Registrierung der Teilnehmer am Vortag, am 26. August, mit einer Einführung von Junko Miyawaki-Okada, in welcher die Arbeit und die Verdienste ihres verstorbenen Ehemannes, Prof. Dr. Hidehiro Okada (1931–2017), gewürdigt und ein Rückblick auf die vorausgegangenen Jahrestagungen der PIAC gegeben wurde. Hierauf folgte die Begrüßungsansprache durch den Direktor des RINRI Instituts for Ethics, Maruyama Toshiaki, verbunden mit einer Vorstellung des Instituts sowie seiner Geschichte und Entwicklung, aber auch seiner Arbeit und weltweiten Aktivitäten sowie hieran anschließend die Ansprache des Generalsekretärs der PIAC, Oliver Corff, der den Gastgebern sowie der Präsidentin der diesjährigen Jahrestagung dankte und einige Betrachtungen zu vorausgegangenen Tagungen der inzwischen traditionsreichen Einrichtung, aber auch noch einmal einige Bemerkungen zur Geschichte des RINRI Instituts für Ethik folgen ließ.

Fortgesetzt wurde das Programm der Jahrestagung mit einer Würdigung der verstorbenen Mitglieder und dem Dank an die Teilnehmer und Förderer der Arbeit der PIAC. Bei den Verstorbenen, denen in diesem Jahr gedacht wurde, handelte es sich im einzelnen um: Nullo Minissi (8. 8. 1921–27. 1. 2024), Hendrik Erik Boeschoten (15. 9. 1950–18. 2. 2024), Wang Teh-Yi (28. 3. 1934–29. 4. 2024), Sigrid Kleinmichel (29. 4. 1938–9. 9. 2024), Zeynep Korkmaz (5. 7. 1922–6. 2. 2025), Roberte Hamayon (29. 4. 1939–18.3.2025), Typhaine Cann (1986–7. 6. 2025), Britta-Maria Gruber (28. 6. 1955–Juli 2025) und Michael Weiers (26. 12. 1937–17. 7. 2025).

Auf die Totenehrung folgte die Fortsetzung des „offiziellen“ Teils der Tagung mit der Verleihung der PIAC-Medaille. Der Generalsekretär beschrieb hierbei zunächst die Mechanismen zur Wahl der / des Geehrten und ließ sodann einen Rückblick sowie eine Geschichte der Auszeichnung, die ursprünglich als „Indiana University Prize for Altaic Studies“ ins Leben gerufen worden war, folgen. In diesem Jahr wurde mit der Medaille Juha A. Janhunen, auf welchen der Generalsekretär bei dieser Gelegenheit eine ausführliche Laudatio hielt, ausgezeichnet. Hieran wiederum schlossen die sogenannten „Confessions“ an, welche zunächst vom Generalsekretär erläutert und anschließend von allen Anwesenden vorgetragen wurden.

Den Kreis der eigentlichen Vorträge eröffnete die Präsidentin der 67. Jahrestagung, Junko Miyawaki-Okada am 27. August mit ihrem Vortrag „Why Altaic studies have become popular in Japan“.

Juha Janhunen trug in seinem folgenden Beitrag „Remembering Nikolaj Alexandrovich Baskakov“ über das Leben und Wirken des sowjet. Turkologen und Altaisten N. A. Baskakov (9.[22.] 3. 1905–26. 8. 1996) vor, wobei er dessen nicht geringe Verdienste um die Turkologie hervorhob, aber auch auf seine Mitwirkung innerhalb der PIAC einging.

An J. A. Janhunens Vortrag anschließend folgte die Keynote Speech des Generalsekretärs Oliver Corff.

In seinem Vortrag „Kalmyk language reform, 1998–2001 — cause and aftermath“ behandelte Arai Yukiyasu die kalmückische Sprachreform (eigentlich Schriftreform) der Jahrtausendwende, wobei ein ausführlicher Überblick über die im 20. Jh. Vorausgegangenen Entwicklungen — von der kalmückischen Orthographie Dordži Pavlovs im Jahre 1932 bis zum Beginn der durch den kalmückischen Präsidenten angeregten Reformen von 1998 — gegeben wurde.

Anna Dybo verglich in ihrem Vortrag „The Tuba language in retrospect und prospect“ die von verschiedenen Gelehrten zum Tuba und seinen Dialekten in den frühen 1860er Jahren, in der Mitte des 20. Jh.s sowie den beiden ersten Jahrzehnten des 21. Jh.s erhobenen Daten und stellte hierbei das Problem der Verläßlichkeit dieses Materials sowie die verwandtschaftliche Zugehörigkeit desselben dar. Darüber hinaus behandelte die Referentin die mögliche Zukunft des Tuba sowie das gegenwärtige Wirken von Tuba-Sprachaktivisten.

In dem Beitrag „Research on vowel harmony in Mongolian by scholars within China“ referierte Yurong über die Untersuchungen zur Vokalharmonie im Mongolischen in der chinesischen Forschung seit 1911. Hierbei wandte sich die Referentin einerseits den theoretischen Forschungen zur Vokalharmonie, andererseits aber auch der Gegenwartslage der Forschungen zur Vokalharmonie bzw. derselben in verschiedenen heutigen mong. Sprachen und Dialekten zu.

Ebenfalls der Vokalharmonie im Mong. — hier dem Ordos-Dialekt — war der Vortrag von Yiweelqeqeg, „A diachronic study of vowel harmony in Chinese loanwords in the Ordos dialect“, gewidmet. Das Sprachgebiet der Ordos ist in China von sinophonen Gemeinschaften umgeben und das Idiom durch jahrhundertelangen Kontakt mit den chin. Dialekten reich an entsprechendem Lehngut. Während dieses Lehngut ausgedehnten Untersuchungen unterzogen wurde (etwa hinsichtlich der Etymologie), ist seine Unterwerfung unter die Vokalharmonie des Mong. bislang nicht betrachtet worden. Im Beitrag wurden seit 1957 durchgeführte Untersuchungen unter Einbeziehung rezenter Forschungen vorgestellt und auch die Hauptcharakteristika des entlehnten chin. Vokabulars resp. der Vokalharmonie in Anwendung auf dasselbe ausführlich dargestellt — hier z. B. die Entsprechung der phonetischen Struktur des mong. Kontrasts zwischen gespannten und entspannten Vokalen, die Rundungsharmonie und die dialektspezifischen Harmoniegesetze [ʊ+ʊ] und [ʉ+ʉ].

Higuchi Kōichi ging in seinem Vortrag „A consideration on the background of’the creation of Todo script“ vor allem der Frage nach, warum die bereits existierende mong. Schrift durch Zaya Paṇḍita „reformiert“ wurde. Eine gängige Erklärung ist, daß tibetisches und Sanskrit-Lehngut aus buddhistischen Werken bei der Übersetzung ins Mong. nur so genauer abgebildet werden konnte. Allerdings war, so der Vf., eine genaue Wiedergabe mit der bereits existierenden mong. Schrift problemlos möglich. Der Referent stellte daher auch die Entstehungsgeschichte der Todo-Schrift am Beispiel ausgewählter, von Zaya Paṇḍita übersetzter, buddhistischer Texte dar.

Im anschließenden Beitrag, „On the relationship between three Oirat manuscripts of Sarayin gerel written by Radnabhadra“ behandelte Futaki Hiroshi das Problem des Verhältnisses der drei oiratischen Mss. der von Radnabhadra verfaßten Biographie des Zaya Pandita Namchaijamts, des buddhistischen spirituellen Führers der Oiraten im 17. Jh.: das Šarmažaev-Manuskript, das Zachčin-Manuskript sowie das Natsag beise-Manuskript, die vom Referenten verglichen und in ein Verhältnis zueinander gesetzt wurden.

In seinem Vortrag „Materials towards an etymological dictionary of Kazakh (1): Arabic loanwords in Kazakh“ stellte Uli Schamiloglu sein angestrebtes Projekt eines „Etymologischen Wörterbuchs der kasachischen Sprache“ vor und gab zugleich einen Überblick über das arabische Lehngut im Kasachischen. Während die meisten bisherigen Beiträge, die sich mit dem arab. Lehngut im Kasach. befaßten, auf das Vokabular aus dem religiösen Bereich oder einzelne Lehnwörter beschränkten, folgen, wie der Referent darlegte, ganze Substantivklassen im Kasachischen (z. B. kitap, mektep etc.) den Prinzipien der arab. Wortbildung. Ziel des Forschungsvorhabens sei es, so der Referent, nicht, den sprachlichen Reichtum des Kasachischen anzuzweifeln, sondern aufzuzeigen, daß es so etwas wie eine „reine“ Sprache nicht gibt.

Sherman Han wiederum trug in seinem Vortrag „Emperor Qianlong’s poetical memoir of Taiwan“ über jene Gedichte des Kaisers Qiánlóng (乾隆) (1711–1799) vor, welche seine Herrschaft über die Insel Taiwan und deren Erringung — hier solche Gedichte, die sich mit dem Leben der lokalen Bevölkerung befassen, den Verlauf der Kriegszüge auf der Insel zum Gegenstand hatten, seinen eigenen Anteil an der Ausarbeitung und Umsetzung der Schlachtplänen behandeln und schließlich solche, die seine Reaktionen auf Siege über die Aufständischen reflektieren — darstellen.

Anschließen referierte Sultan Tulu in ihrem Vortrag „On new corrections and interpretations in the Book of Dede Korkut“ über erneute Lesungen und Interpretationen einiger Begriffe und Phrasen im „Buch von Dede Korkut“ auf der Grundlage zweier inzwischen (neben den bekannten drei Abschriften / Versionen) ebenfalls vorliegender Kopien des Werkes — hier des Günbed-Manuskripts und des Bursa-Manuskripts.

Michael Knüppel wiederum trug in seinem Vortrag „Aetiological legends about the origin of flies and gnats among the peoples of Siberia“ über die Mythen und Legenden hinsichtlich des Ursprungs von schädigenden Insekten, welche zumeist mit dem Überwinden und Töten eines Unholds (einer Hexe, eines Menschenfressers oder sonstigen Ungeheuers) einhergehen, vor, wobei einerseits auf grundsätzliche Konzepte der Behandlung von Insekten in der Folklore der Sibirier, aber auch auf Probleme der Differenzierung und Klassifizierung von Insekten in den Sprachen des nördlichen Eurasien eingegangen wurde.

In ihrem Vortrag „On the tracks of Peter Simon Pallas in the Crimean peninsula: Remarks on his scientific itineraries, late 18th/early 19th century“ hob Barbara Kellner-Heinkele die besondere Bedeutung der Arbeit von S. P. Pallas „Reisen durch die südlichen Provinzen des Russischen Reiches in den Jahren 1793 und 1794“ unter den Werken der verschiedenen Gelehrten, die im 18. und 19. Jh. die Krim-Halbinsel aufgesucht und beschrieben haben, hervor. Obgleich die Hauptinteressen von Pallas der Geologie, Botanik und Geomorphologie galten, enthält dieses Werk auch zahlreiche Beobachtungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Halbinsel, wofür die Referentin verschiedene Beispiele anführte.

Funda Güven behandelte in ihrem Vortrag „A woman who built a city next to Irtysh River: Lady Suzge“ Sherbanu Beisenovas Roman „Die letzten Tage der Suzge“ (2008), in dem das tragische Schicksal einer der Frauen eines kasachischen Häns, aber auch der kasach. Gesellschaft beschrieben wird: das Leben eben jener Suzge, die am Ufer des Irtysch eine Stadt gründete und die zu den mächtigsten Frauen in der Geschichte der türk. Reichsbildungen gerechnet werden kann. Der Roman ist teilweise auf historischen Fakten gegründet, teilweise auf die Legenden um Suzge. Die Referentin schilderte in ihrem Vortrag ausführlich den Einfluß den der Roman, aber auch die Überlieferung um die Figur der Suzge in der kasach. Gesellschaft hat.

In dem folgenden Beitrag von Nagamine Hiroyuki „On the Tārīkh-i Khānī, a Uyghur script source of the Timurid period“ wurden neue Erkenntnisse zum Tārīkh-i Khānī, einer nicht erhalten gebliebenen bzw. bislang nicht aus Originalhandschriften bekannten Quelle der Timuridenzeit in uig. Schrift, die sich einerseits aus der näheren Betrachtung von Angaben im Tavārīkh-i Guzīda(-yi) Nusrat-nāma und andererseits im Zubdat al-Āthār ermitteln lassen, mitgeteilt. Ein Hauptaugenmerk des Referenten richtete sich dabei auf die uigurische Schrifttradition der Timuridenzeit.

Todoriki Masahiko berichtete in seinem Vortrag „The persistence of ethnic subgroups: Kyrgys and Uigur lineages in Tuvan ethnohistory“ über die historische Kontinuität und den Wandel im Gebrauch von Ethnonymen wie „Kirgisen“ und „Uiguren“ in der heutigen Republik Tuwa. Der Referent zeigte dabei auf, daß die Bevölkerungen in der Nachbarschaft Tuwas ein klares Wissen hinsichtlich ihrer angestammten Identität bewahrt haben, viele Tuwiner innerhalb Tuwas ihre Abstammung — hier die Zugehörigkeit zu einer angestammten Söök (= „Knochen“ oder Clans) — nicht mehr bestimmen können. Dessen ungeachtet ist der Kern der Clan-Namen in den Familiennamen erhalten geblieben. Anhand verschiedener Namen und deren Überlieferung zeigte der Referent auf, daß die Bewahrung, Transformation, aber auch die Unterdrückung von Clan-Namen umfassendere Dynamiken von Erinnerung, Identitätsbildung und politischer Auslöschung widerspiegelt.

In ihrem Vortrag „Avoidance practices, female language, and the tale of the wise daughter-in-law“ untersuchten Ilya Gruntov und Olga Mazo ein Migrationsmotiv, das uns bei verschiedenen türkischen Gruppen (z.B. bei den Chakassen, Altaiern, Teleuten, Soren, Kasachen, Karakalpaken u. Kirgisen), aber auch auch bei mongolischen Völkern (z.B. bei den Khalkha, Kalmücken, Burjaten und Ordos-Mongolen) begegnet und bei welchem eine Schwiegertochter gezwungen ist, Einschränkungen kreativ zu umgehen, indem sie Euphemismen verwendet. Obgleich sich, wie die Referenten ausführten, nicht mehr feststellen 1äßt, auf welche Gruppe die zur Verdeutlichung ausgewählte Erzählung ursprünglich zurückgeht, so ist doch bemerkenswert, daß diese eine so weite Verbreitung erfahren hat, was wohl darin begründet liegen dürfte, daß sich Situationen aus dem täglichen Leben so vieler Zentralasiaten darin widerspiegeln und hier die Frage der „Frauensprache“ (oder genauer der von Frauen verwendeten Ausdrucksformen der Höflichkeit und Meidung zugleich) im Vordergrund steht.

Peter Zieme referierte in seinem Vortrag „Notes on weather magic in an Altaic perspective — yad yadlamak” über ein uig. Manuskript aus dem Fundus der japan. Turfan-Funde und zu diesem unter dem besonderen Aspekt der Wettermagie. Dieses umfangreiche Schriftzeugnis enthält eine Reihe von Abschnitten, die sich (vor allem mit der Verwendung von Steinen) zu unterschiedlichen Praktiken des Regen-, Wind- und Schneezaubers befassen und ist vor allem unter lexikographischen Gesichtspunkten von Interesse.

In ihrem Vortrag „Shamanistic remains in Buddhist Old Uighur texts: A philological study on traces of religious syncretism“ ging Hacer Tokyürek Šamānist. Elemente in buddh.-uig. Texten des 10.–14. Jh.s nach. Die von der Referentin untersuchten Texte enthalten neben buddh. Material auch solches, das sich auf die Glaubensvorstellungen Zentralasiens zurückführen läßt. H. Tokyürek nahm an, daß der uig. Buddhismus keineswegs eine ausschließlich buddhist. Lehrstruktur aufweist, sondern vielmehr aus einem Religionskontakt entstanden ist — sie sprach gar von „Synkretismus“, was aber vielleicht ein wenig zu weit gegriffen war, ist hiermit doch in religionswissenschaftlicher Beziehung etwas anderes gemeint.

Liubov Lubsanova Abaeva wiederum behandelte in ihrem Beitrag die „Religious culture of the Mongolian peoples in the context of retrospective and prospective analysis“.

Michał Németh wiederum ging in seinem Beitrag „An attempt on the religious affiliation of a 15th-century Middle Kipchak translation of the Bible“ einerseits der Frage nach, in welcher Turksprache die mitteltürkische Handschrift „Evr. I Bibl. 143“ der Firkowicz-Sammlung der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg — eine Übersetzung eines Teils des Textes der hebräischen Tora — verfaßt ist und andererseits ob diese ein rabbinisches oder karaitisches Werk ist. Der Referent belegte in seinem Beitrag anhand von Vergleichen, daß es sich um einen mittel-kipčakischen Text handelt und äußerte auch Vermutungen zu religiösen „Provenienz“ des Textes.

Im Vortrag von Narbibish Shammayeva „Turkmen mentality in global world: Pro and cons“ ging die Referentin auf die sozialen Normen und Verhaltensnormen der turkmen. Gemeinschaften ein. Ausführlicher behandelte sie hierbei zunächst die eben diesen Normen zugrundeliegenden Werte sowie die Eckpunkte, die diese Normen umschließen — also nationale Kultur, Glaube, Ethik, Tradition, bevor sich die Vortragende den verschiedenen Feldern sozialer Interaktion, auf denen diese Normen zur Geltung gelangen, zuwandte und schließlich selbige einzeln nach Bezugsgruppen von ihr vorgestellt wurden.

Saijilahu wiederum referierte in dem Beitrag „A study on traditional Mongolian medical elements in medical books of the Yuan Dynasty“ über das Verhältnis der traditionellen mong. Medizin (einschl. der pharmazeutischen Verhältnisse), wie sie in Werken der Yuán-Dynastie — etwa dem Yin Shan Zheng Yao des Husehui und dem Rui Zhu Tang Jingyan Fang des Shatumusu — aufgezeichnet sind, zur chin. und arab. Medizin. Der Untersuchungsgegenstand ging dabei von der medizinhistorischen Perspektive aus, beleuchtet zugleich aber auch die sozialen, ökonomischen und politischen Aspekte dieses Verhältnisses bzw. Austauschs.

In dem Vortrag von Enkhbat Munkhtsetseg „Function words in Manchu lexicographic representation“ wurden vom Referenten die sogenannten „leeren Wörter“ behandelt. In erklärenden Wörterbüchern der Qing-Zeit wurden in eben diesen Werken Kapitel gebracht, welche mit „Sula gisun-i hacin‘“ (sogenannte „Leere Wörter“) betitelt waren, was die traditionelle Einteilung der Wortarten im ManZurischen und Mongolischen widerspiegelt. Auch in Grammatiken der mong. Sprache finden sich ähnliche Kapitel. Das manǯurische Wort „sula“ bedeutet „leer, frei, lose“ und im modernen Mong. bezeichnet der Begriff „сул үг“ ausschließlich Partikel. Im Vortrag wurden diese Kapitel und die in ihnen aufgeführten Lexeme, die verschiedenen Wortarten zugehörig sein können, erörtert.

Evgeniya Korovina sprach in ihrem Vortrag „I Komary … Sibirskie teksty o proischoždenii komarov“ über die verschiedenen Motive Fliegen und Mücken in tungusischen und anderen altaischen Mythen betreffend und ging hierbei aus einzelne Motive und Aspekte, die sich auch über die Grenzen Sibiriens hinaus finden sowie die aktuelle Motivforschung und weltweite Verbreitung von Motiven ein.

In seinem Beitrag „Harnessing phatic capital: Small talk as political strategy in contemporary Turkish discourse“ behandelte Fırat Başbuğ „Smalltalk“ als Mittel der türk. politischen Kommunikation, wobei der Referent zunächst auf Malinowskis Konzept der phatischen Kommunikation, Jakobsons phatischer Funktion und Bourdieus Konzept des linguistischen Kapitals einging. Es handelt sich hierbei um Mittel zur Ordnung von Distanz und zur Häufung symbolischer Macht in halbformellen Kontexten. Überzeugend zeigte der Referent auf, wie ritualisierte Begrüßungen, berufliche Glückwünsche und Verwandtschaftsrufe etc. zunehmen und politische Akteure strategisch aus diesem Repertoire an Smalltalk-Formulierungen schöpfen, um Authentizität zu vermitteln bzw. gemeinsame Werte oder Ablehnung zu betonen.

Juha Janhunen und Ekaterina Grudzeva behandelten in ihrem Beitrag „Amuric — how Altaic?“ die unterschiedlichen Zusammenhänge, die in der Vergangenheit zwischen den amurischen Sprachen (also Nivchisch und Nighvng) und den (ural-)altaischen Sprachen untersucht wurden, seien es nun behauptete verwandtschaftliche Zusammenhänge oder das unbestreitbar vorhandene Lehngut — standen die amurischen Sprachen doch über einen langen Zeitraum in einem Austausch mit den tung. und mong. Sprachen. Im Beitrag wurde vor allem dem Vorhandensein oder Fehlen lexikalischer Parallelen im Grundwortschatz anhand der Leipzig-Jakarta-Liste mit 100 Wörtern nachgegangen und hierbei drei Varietäten des Nivchischen (Unter-Amur, West-Sachalin, Nord-Sachalin) und drei des Nighvng (Ost-Sachalin, Zentral-Sachalin, Süd-Sachalin) mit den fünf Sprachfamilien resp. Einzelsprachen, die bei (makro)-altaischen Vergleichen gemeinhin berücksichtigt werden, verglichen.

In dem Vortrag „Samoyed-Tungusic contacts: etymological re-evaluation“ untersuchte Kaisla Anna Maria Kaheinen proto-samojedische und proto-tungusische Elemente, die in Eurasien einst weiter verbreitet zu sein schienen — existieren hier doch Parallelen, die unmöglich auf direkten Kontext zurückgeführt werden können (allein schon aufgrund der räumlichen Distanz der Areale in denen diese Proto-Sprachen wohl einst verbreitet waren — , jedoch nicht etymologisiert sind noch bislang etymologisiert werden konnten (z.B. *moə ‘Ast’ und *t[i/ü]rämä ‘Fischlaich’) und möglicherweise auf eine nicht mehr belegte Sprachfamilie zurückgehen.

Mehmet Ölmez trug in seinem Beitrag „Mongolian loanwords in Anatolian dialects“ über die verschiedenen Kategorien, die Verbreitung sowie die Zeitstellung mong. Lehngut in den anatol. Dialekten vor. Wie der Referent ausführte, können zunächst einmal grob zwei Lehnschichten resp. Phasen des Austauschs zwischen den türk. und mong. Sprachen in diesem Bereich ausgemacht werden: vor und nach dem 13. Jh., wobei mong. Elemente auch in die oghus. Sprachen gelangten und vor allem während der Herrschaft der Ilḫāne ihren Weg in die Dialekte Anatoliens fanden. Während es sich hierbei zumeist um Kulturwörter handelte, sind in einigen Dialekten auch Termini von eher begrenzter Verbreitung auszumachen. Hinzu treten freilich noch Lehnwörter, die durch Einwanderer aus dem kaukasischen Raum oder von der Krim in das Gebiet der heutigen Türkei gelangten (etwa nach Istanbul).

In dem Vortrag von Saule Tazhibayeva, Irina Nevskaya und Sholpan Zharkynbekova, „Expression of evidentiality in supranatural and liminal contexts in Kazakh and Shor in a comparative perspective“, wurde der Gebrauch evidentialbasierter Sprachformen und deren Semantik in übernatürlichen und liminalen Kontexten der Folklore, Mythologie und des religiösen Diskurses (z. B. in Erzählungen von Begegnungen mit Geistern und anderen übernatürlichen Wesenheiten, aber auch in Mythen und Epen) im Kasachischen und Šorischen behandelt. Obgleich Evidentialität schon länger die Aufmerksamkeit von Linguisten erfahren hat, ist sie doch sehr kontextabhängig — hier vor allem auch abhängig vom Weltbild und ganz allgemein der geistigen Kultur. Die Art und Weise, wie Ereignisse beschrieben werden, wird dabei davon bedingt, ob der Sprecher direkte Erfahrung beansprucht, etwas von anderen gehört hat oder sich womöglich gar auf religiöse Texte bezieht.

Shynaray Burkitbaeva und Mereke Kassymbayev untersuchten in ihrem Vortrag „Determining the origin of meaningless pairs of hendiadyoins in the Kazakh language“ die Herkunft verschiedener „bedeutungsloser“ reduplizierter Wortpaare im Kasachischen. Häufiger ist bei diesen zu beobachten, daß nur eine Komponente der Reduplikation vollkommen klar ist, die andere hingegen nicht zwingend klar sein muß oder gar vollkommen unklar bleibt. Im Zuge einer dem Vortrag vorausgegangenen Analyse konnten die Referenten ermitteln, daß schwer verständliche Bestandteile solcher Reduplikationen in anderen Turksprachen eine vollständige lexikalische Bedeutung haben, während im Kasachischen der jeweils zweite Bestandteil in der Sprache bisweilen nicht existiert. Die von den Referenten beigebrachten Beispiele zeigten allerdings, daß in einer ganzen Reihe von Fällen das jeweils zweite Element in der Reduplikation einer anderen Turksprache entstammte.

Maezono Kyōko wiederum trug in ihrem Vortrag „Causative and passive in Manju, Mongolian and Japanese“ über transitive, kausative und passive Verben in den betreffenden Sprachen vor. Für das Manǯu ist dabei charakteristisch, daß für die genannten Funktionen das gleiche Suffix –bu– verwendet wird, während im Mong. und Japan., je nach Funktion im Satz, unterschiedliche Suffixe eingesetzt werden. Die Ergebnisse, die die Referentin in ihrem Beitrag erörterte, beruhten auf dem Textmaterial aus dem Manju i Yargiyan Kooli 満洲実録 Manju Shih-lu (MS) (1781) sowie dem Mongyol un niyuca tobciyan 元朝秘史 (SH) (13.-14. Jh.).

In ihrem Beitrag „Vklady učenych po izuceniju altajskich jazykov v istoričeskoj retrospektive“ gab Azharbubu Raimkulova einen zusammenfassenden Überblick über die (ural-Jaltajischen Studien — von G. W. Leibniz u. Ph. J. v. Strahlenberg bis S. A. Starostin.

Irina Nevskaya wiederum behandelte in ihrem Beitrag „Ongoing work on a new catalogue of Old Turkic runiform inscriptions in the Republic of Altai based on their 3D documentation“ ein Projekt zur Erfassung, (Neu-)Lesung und Katalogisierung „runen“-türkischer Inschriften auf dem Gebiet der Republik Altai durch ein russisch-deutsches Forschungsteam, wobei sie im besonderen auch auf die Schwierigkeiten der Erhaltungszustände und die sich ergebenden Möglichkeiten der 3D-Erfassung einging. Bislang konnten rund 120 Inschriften auf eben jenem Gebiet dokumentiert werden.

In dem Vortrag „The legacy of the Qalandar Sufi community and of the poet Babarakhim Mashrab (Diwana Mashrab, ca. 1657-1711) in Russian and Soviet Oriental Studies“ ging Iurii Averianov anhand ausgewählter Beispiele der Frage nach, wie sich der Wandel in der Beurteilung des Werkes und der Persönlichkeit des Dichters Babarakhim Mashrab, aber auch der Sufi-Gemeinschaft, der er angehörte, in der älteren, aber auch in der sowjetischen Literatur dargestellt hat und warum er und seine Anhänger als „vorrevolutio: für die sowjetischen Orientalistik von Interesse bleiben konnten.

Ikeda Sumiko behandelte in ihrem Beitrag „The growth of Uzbek and Uzbekistani communities in Japan“ die heutige Lage von Einwanderern aus Usbekistan und anderen ehemaligen zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion in Japan. Gerade die Gemeinde der usbekischen Einwanderer hat seit 2010 deutlich zugenommen, wenngleich sie innerhalb der Zuwanderer nach Japan einen eher geringen Anteil ausmacht. Die Referentin ging hierbei im besonderen auf die Gründe für die Einwanderung, aber auch auf die wechselseitige Beeinflussung der Sprachen durch die Anwesenheit dieser Einwanderergruppe ein.

In seinem Vortrag „Problems of translation from Japanese into Turkish“ referierte Oguz Baykara über die Ähnlichkeiten und Unterschiede des Japanischen und der türk. Sprachen, die ja immer wieder einmal als miteinander verwandt betrachtet wurden (etwa im Kontext der altaischen Sprachverwandtschaft) — eine Auffassung der der Referent skeptisch gegenüberstand und hier eher syntaktische Entsprechungen erblickte als Hinweise auf eine Verwandtschaft. Letzteres schon in Hinblick auf das Fehlen von morphologischen und lexikalischen Übereinstimmungen des Japan. und Türk.

In dem Vortrag „Sino-Western academic exchanges in Mongol history studies, 1850s–1940s“ behandelte Ma Xiaolin eben diesen Austausch zwischen chinesischen und westlichen Gelehrten bei der Entdeckung chin., mong. und pers. Paralleltexte der Geschichte Cinyis Häns und der hiermit unmittelbar zusammenhängenden Entwicklung der mong. Philologie. Anhand von Manuskripten und Tagebüchern, etwa Wang Guoweis, Chen Yinques und Chen Yuans auf chin. Seite sowie Paul Pelliots und Antoine Mostaerts auf westlicher, wurden im Vortrag Züge dieser Beiträge aufgezeigt.

Nurmukhammed Merekeuly trug in seinem Vortrag „Lexical traces of astronomical knowledge in ancient Turkic and Kazakh place names“ über die Annahme, daß altes astronomisches Wissen in den Ortsnamen der kasachischen Steppe und der umliegenden turkophonen Regionen konserviert ist, vor. Hierbei wies er darauf hin, daß die Forschung vor allem solchen zusammengesetzten Toponymen Aufmerksamkeit schenkte, die Termini wie ai ‘Mond’, kün ‘Sonne’, juldız ‘Stern’, tafı ‘“Morgenröte’, tengir ~ tanrı ‘Himmelsgottheit’ etc. beinhalten. Die Untersuchung des Referenten ihrerseits verfolgte einen multidisziplinären Ansatz, bei welchem historische Linguistik, Kulturanthropologie und Georeferenzierungstechniken miteinander verbunden wurden. Hierbei wurde eine vergleichende Analyse zwischen kasachischen Toponymen und parallelen Namenskonventionen in alttürkischen Inschriften, mongolischen Sprachen und altaischen Mythologien angesetzt.

In dem Vortrag von Qiu Zhirong „Who is Angutha in Simon of Saint Quentin’s History of the Tatars?“ ging der Referent der umstrittenen Etymologie des Namens Angutha, eines Würdenträgers, der in der erwähnten Chronik des päpstlichen Gesandten an den Hof des Großḫāns aus den 1240er Jahren erscheint und dessen Identität unklar ist, nach. Der Referent nahm an, daß es sich um den persönlichen Namen von Elijigidei, einem Würdenträger Ögedei Ḫāns und von Güyük Ḫān ernannten Statthalter in Transkaukasien, handelt. Angutha war von Güyük Ḫān zum Statthalter des westlichen Teils des Yeke Monyol Ulus ernannt und nach der Thronbesteigung von Möngke Ḫān von Baiju getötet worden.

Tana Wu verglich in dem Beitrag „A comparative study of body part terms in Mongolian and Manchu“ mong. und manZurische Körperteilbezeichnungen unter dem Aspekt der Wortbildung (Ableitungen und Komposita), semantischer Erweiterungen, metaphorischer Verwendung und Grammatikalisierung sowie kultureller kognitiver Unterschiede. In beiden Sprachen zeigen sich strukturelle Ähnlichkeiten hinsichtlich der Ableitungen. Mong. Körperteilbezeichnungen sind jedoch abstrakter, während manZurische konkreter sind und räumliche Beziehungen sowie Verwandtschaftsverhältnisse betonen. Zudem zeigen die manZurischen Termini mehr Samänistische Elemente als die mongolischen.

Begleitet wurde die Jahrestagung von einer Reihe von Unternehmungen, so am 27. 8. 2025 von der Vorführung eines Films von Kin Taii (Produktion und Regie) über die Šamānische Kultur der Manǯu, „Saman Heaven“, in dem Rituale, aber auch Interviews mit Šamānen aus dem Nordosten und Nordwesten Chinas gezeigt wurden, am 28. 8. 2025 vom Besuch zweier Asama-Schreine sowie des Hauses des ehemaligen japan. Premierministers Kishi Nobusuke am Yamanaka-See, der Präsentation von Photographien, die während vorausgegangener Jahrestagungen aufgenommen wurden oder der Darbietung zentralasiatischer Musik durch Todoriki Masahiko auf dem Abschiedsessen am 29. 8. 2025. Nach dem Abschluß der eigentlichen Jahrestagung wurde am 1. 9. 2025 noch die Bibliothek des Tōyō Bunko (東洋文庫) in Tōkyō besucht und der Ort der kommenden Jahrestagung bekanntgegeben.