Stand und Aufgaben der internationalen altaistischen Forschung

(Source:  Sprache, Geschichte und Kultur der altaischen Völker, Protokollband der XII. Tagung der Permanent International Altaistic Conference. Herausgegeben von Georg Hazai und Peter Zieme. Schriften zur Geschichte und Kultur des Alten Orients 5, (Berlin, Akademie Verlag, 1974), 668 pp., 55 plates., pp. 35–43)

D. Sinor

Stand und Aufgaben der internationalen altaistischen Forschung

Gut elf Jahre sind es her seit dem Tag, da die Altaistische Sektion auf dem 24. Internationalen Orientalistenkongreß in München die Gründung einer PIAC beschloß: man wollte jedes Jahr zusammenkommen, um den Meinungsaustausch zu erleichtern und so womöglich die Grundlage für gemeinschaftliche Unternehmungen zu schaffen. “The proof of the pudding is in the eating”, sagen die Engländer sprichwörtlich, und daß wir uns nun zum zwölften Male zusammengefunden haben, zeigt doch, wie erfolgreich unser gemeinsames Unterfangen hier gewesen ist. Ich halte es durchaus für angebracht, darauf hinzuweisen, daß solch ein Erfolg ausgeblieben wäre ohne die Initiative und Energie unseres ersten Generalsekretärs, Professor Walter Heissig, der zu meinem Bedauern verhindert ist, an dieser Tagung teilzunehmen.

Diese 12. Tagung bietet uns wieder einmal die Gelegenheit, den Stand der altaischen Studien in der ganzen Welt einer Prüfung zu unterziehen. Das klingt sehr ambitiös und ist es wohl auch. Nun, ich verspreche Ihnen, daß ich mich aufs wesentliche beschränken werde — Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie mit meiner «Introduction à l’étude de l’Eurasie Centrale» in ihrem vollen Wortlaut quälen werde, ein Buch, daß manche von Ihnen vielleicht kennen und der eine oder der andere sogar gelegentlich einmal benutzt.

Ich denke daran zurück, wie ich 1948 nach Cambridge berufen wurde und die Universität die Frage stellte, ob ich klassisches Mongolisch zu lehren willens und fähig wäre. Meine Antwort: Das hängt ganz davon ab, ob die Universitätsbibliothek eine Kopie von Kowalevskis mongolischem Wörterbuch hat oder nicht. Das Werk war derzeit mehr als 100 Jahre alt! Damals waren wir alle, ganz gleich auf welchem der zahlreichen Gebiete der altaischen Studien wir arbeiteten, homines unius libri. Mongolische Studien standen oder fielen mit dem Faktum, ob ein Kowalevski greifbar war oder nicht; wer sich aber mit Turkologie beschäftigte, sah sich angewiesen auf Radloffs „Wörterbuch” und „Proben”, und der einzige umfassende Versuch über die Geschichte der altaischen Völker war das verhältnismäßig junge (1939 erschienene) «L’empire des steppes» von Grousset.

Gewiß, die Altaistik konnte zu jener Zeit schon stolze Leistungen vorzeigen, und eigentlich brauchte ich gerade hier in Berlin nicht daran zu erinnern, daß beispielsweise das Gros der alttürkischen Texte, die uns heute bekannt sind, schon vor dem 2. Weltkrieg zugänglich gemacht worden war. Aber — ich will zuerst meine Beispiele auf die Turkologie beschränken — es gab keine alttürkische Grammatik und kein alttürkisches Wörterbuch, keine allgemeine Einführung in die Turkologie, keine vergleichenden Grammatiken. Unsere Studenten heute, die leichten Zugang haben zu Gabains „Alttürkischer Grammatik”, zu den „Philologiae Turcicae Fundamenta”, zu N. A. Baskakovs „Vvedenie v izucenie tjurkskich jazykov” (1969), zu “The Turkic Languages and Peoples” von K. Menges, zu dem von N. A. Baskakov herausgegebenen Band „Tjurkskie jazyki”, dem 2. Band der „ Jazyki narodov SSSR” (1966), oder zu dem glänzenden „Drevnetjurkskij slovar” neueren Datums (1969) — um nur einige aus den Dutzenden von bemerkenswerten Veröffentlichungen herauszugreifen —, diese Studenten können sich, so meine ich, kaum vorstellen, welche Schwierigkeiten sich uns entgegentürmten, als wir uns auf den Weg machten, den wir uns erwählt hatten.

Und die Turkologie ist doch nur ein Teil der Altaistik und Alttürkisch nur ein Teilgebiet der Turkologie. Und wie stand es erst mit all dem übrigen! Vielleicht darf ich an dieser Stelle eine Definition der Altaistik wagen. Sie stammt in der Hauptsache von mir, und daß andere Definitionen gleichermaßen berechtigt sein können, räume ich bereitwilligst ein. Nur hat meine Auffassung, mag sie nun gut sein oder schlecht, in den letzten Jahren einen gewissen Einfluß auf die PIAC gehabt, auf die Organisation der internationalen Orientalistenkongresse und, last but not least, auf den Betrieb in meinem Department an der Indiana University, das seinerseits den Kurs der USA-Altaistik weitgehend mitbestimmt hat. Die Altaistik ist interdisziplinär: Zur Klärung unserer Fragen trägt die Linguistik und die Philologie ebenso bei wie Archäologie, Historiographie und Ethnographie. Ob wir nun Literatur oder Geschichte studieren, Wandgemälde oder Phoneme, Wirtschaft oder Dichtung — solange unsere Forschungen altaische Völker in Gegenwart oder Vergangenheit zum Gegenstande haben, sind wir eben alle Altaisten. Aber, so erhebt sich die Frage, wer sind die altaischen Völker? Wie darf man von altaischen Völkern sprechen, wenn selbst schon die Existenz einer altaischen Sprachfamilie ernsthaft bezweifelt wird? Meine Antwort auf diese und ähnliche Fragen ist einfach: Altaisch ist eine bequeme allgemeine Bezeichnung, deren Gebrauch nicht das Ergebnis der Kontroverse vorwegnimmt, die um die sprachliche Verwandtschaft des Türkischen, Mongolischen und Tungusischen im Gange ist. In ähnlicher Weise sprechen wir von Asien, ohne dieses tatsächlich zu definieren — obwohl wir sehr gut die Unterschiede etwa zwischen den Chinesen, den Indern und den Persern sehen —, und wir wollen gewiß nicht damit sagen, es bestünde eine asiatische Sprachgruppe. Die Altphilologie schließt mehr ein als das Studium von Latein und Griechisch; ähnlich kann die Altaistik mehr beinhalten und beinhaltet auch mehr als die Wissenschaft der türkischen, mongolischen und tungusischen Sprachen.

Nach dieser Bekräftigung des interdisziplinären Charakters unseres Arbeitsgebietes möchte ich betonen, wie notwendig die Zusammenarbeit zwischen Gelehrten ist, deren Interesse verschiedenen geographischen und kulturellen Bezirken gilt. Wohl setzt die ernsthafte wissenschaftliche Arbeit voraus, daß man in die Tiefe schürft, doch verleitet eine übertriebene Auffächerung häufig genug tatsächlich dazu, die relative Wichtigkeit von Forschungsthemen falsch zu bewerten, und selbst dem, der diese Falle glücklich vermieden hat, entgehen immer noch leicht Zusammenhänge und Ausblicke. Der einzelne kann nicht auf allen Gebieten der Altaistik zugleich Spezialist sein, doch sollte er, so meine ich, wenigstens die Arbeit anderer Wissenschaftler in verwandten Disziplinen mit Interesse verfolgen. Es ist angebracht, daran zu erinnern, daß Vilhelm Thomsen kein Turkologe war, daß Bang in englischer Literatur debütierte und daß Pelliot sich hauptsächlich mit Sinologie befaßte! Die Arbeit von Karl Jahn über Rashid ed-Din und die von John Andrew Boyle über Juvayni erwiesen sich für die Altaisten ohne Zweifel als ungemein wichtig: beide Kollegen sind aber, „technisch” gesehen, Iranisten! M. G. Levin betrachtet sich nicht als Altaisten — und doch sind seine Arbeiten über die Ethnogenese sibirischer Völker für viele von uns äußerst bedeutsam.

Es ist ein tragischer Umstand, daß von den geschichtlichen Quellen für altaische Völker nur sehr wenige einheimisch sind. Der Altaist sieht sich auf griechische, armenische, persische oder chinesische Nachrichten angewiesen, und wenn auch da schon viel getan worden ist, so kann man noch lange nicht zufrieden sein. Und doch hat man gerade auf diesem Gebiet am Anfang des Jahrhunderts die schnellsten Fortschritte erleben können. Es gibt wenig Grund zum Frohlocken, wenn man bedenkt, daß Chavannes seine «Documents sur les Tou-kiue occidentaux» (1903) vor 66 Jahren veröffentlicht hat, und man nun die seitdem zurückgelegte Strecke mißt. Solche Arbeiten wie die von Liu Mau-tsai gibt es viel, viel zu wenig — so wenig, daß der falsche Eindruck entsteht, die chinesischen Quellen wären schon ganz ausgeschöpft, wobei sie in Wirklichkeit eben erst angezapft sind. Daß auf dem Gebiet der historischen Forschung niemand die Fackel aufgenommen hat, die Pelliots Händen entfallen ist, dürfte wohl der größte Trauerfall in unserem Fache sein. Indessen tröstet uns wiederum, daß seine besondere Methode, das in schwer zugänglichen Quellen versteckte Sprachmaterial zu erforschen, durch L. Ligeti und seine Schüler zu neuen Höhen weitergeführt worden ist. Dieser unter uns als „Budapester Schule” bekannten Gruppe verdanken wir auch Bemerkenswertes auf dem Gebiet des Mongolischen. In dieser Hinsicht ist eine Durchsicht der über 20 Bände der „Acta Orientalia Hungarica” besonders aufschlußreich. Auch empfehlen sich die ungarischen Mongolisten durch ihr Interesse am Tibetischen, einer nichtaltaischen Sprache, gewiß, aber einer Sprache, die so eng mit der Mongolistik liiert ist. Hierin führen unsere ungarischen Kollegen gleichfalls die Pelliotsche Tradition weiter.

Ich habe schon früher einmal angedeutet, wie selten noch gegen Ende der vierziger Jahre mongolistische Arbeiten waren. Der seitdem erzielte Erfolg grenzt ans Wunder. Es stimmte gewiß, daß schon rein quantitativ seit dem 2. Weltkrieg weit mehr produziert worden ist als alles Frühere zusammengenommen. Besonders erfreulich ist, daß die Mongolen selber in der Mongolistik eine immer größere Rolle zu spielen beginnen. Dankbar nehmen wir ihre Bemühungen auf, noch mehr Texte zugänglich zu machen. Für mundartliche und ethnographische Studien haben sie, so meinen wir, bessere Voraussetzungen als wir anderen.

Die Textausgaben von Cleaves und Mostaert haben wieder einmal gezeigt, wie nützlich die Sinologie für die Mongolistik ist. Ihrem Beispiel folgte Charles Bawden in England. Es ist kaum zu ermessen, wie sehr wir Walter Heissig zu Dank verpflichtet sind. Er bemüht sich nämlich rastlos und mit Erfolg, das Studium der mongolischen Literatur zu verstärken und zu entwickeln. Die Katalogisierung der Mongolica in den verschiedenen Bibliotheken Europas ist ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung, und die eingehende literarische Textuntersuchung, in der sich Heissig und seine Schüler hervortun, wird weitreichende Wirkungen auf die Entfaltung der Mongolistik haben.

Glücklicherweise haben auch unsere sowjetischen Kollegen Schritte unternommen, Kataloge der reichlichen mongolischen Bestände in ihren Bibliotheken zu veröffentlichen. Der Katalog der mongolischen Handschriften und Blockdrucke des „Institut Vostokovedenija” von L. S. Puckovskij (1957) fällt mir dabei zuerst ein. Ich muß der Hoffnung Ausdruck geben, daß weitere Bände ähnlicher Art folgen werden.

Die letzten Jahrzehnte haben uns sowohl in der Mongolistik als auch auf anderen Gebieten der Altaistik sehr benötigte grundlegende Werke beschert, wie etwa die “Introduction to Mongolian Comparative Studies” von N. Poppe (1955) oder die „Sravnitel’naja grammatika mongol’skich jazykov” von G. D. Sanžeev (Band I – I I , 1953-1963), von der hoffentlich weitere Bände erscheinen werden.

In der Tungusologie teilen sich sowjetische und japanische Gelehrte die größten Verdienste. Die ersteren, denen allein der Hauptteil der lebenden tungusischen Sprachen zugänglich ist, sind ihren Verpflichtungen als Wissenschaftler glänzend nachgekommen. Die Veröffentlichungen von Vera I. Cincius, O. P. Sunik und G. M. Vasilevič, um nur einige der hervorragenden Sowjetwissenschaftler zu erwähnen, die dieses Gebiet bearbeiten, haben unser Bild von den tungusischen Sprachen grundlegend geändert. Unsere japanischen Kollegen haben wieder das meiste in den Mandschustudien geleistet. Diese schienen vor zwei Jahrzehnten noch so gut wie tot zu sein. Sie waren im wesentlichen nicht über Gabelentz hinausgekommen! Wie hat sich seither die Lage gewandelt! Ich erwähne nur die ausgezeichnete Ausgabe der „Geheimen Chronik der Mandschudynastie” — „Tongki fuka sindaha hergen-i dangse”, die in der Töyo Bunko herauskam, oder die von Imanishi Shunju bearbeitete hervorragende Ausgabe des Berichts von Tulisen über seine Reise nach Rußland.

Es fehlt immer noch eine ausführliche wissenschaftliche Grammatik des Mandschu. Immerhin besitzen wir seit 1952—1955 wenigstens Hauers vorzügliches „Handwörterbuch der Mandschusprache”. Das „vollständige” Werk steht noch aus, aber ein großer Schritt auf dieses Ziel hin ist damit getan. Noch einmal sei gesagt, daß wir leicht zugängliche Neufassungen besitzen wie die vergleichenden Grammatiken von Cincius oder Benzing oder- den Band „Tungusologie” des „Handbuchs der Orientalistik”.

Nun wieder für eine Weile zurück zur Turkologie, anhand derer ich vorhin gezeigt habe, welche eindrucksvolle Entwicklung unsere Studien etwa während der letzten beiden Dekaden genommen hat. Ich lege Wert auf die Feststellung, daß wir jetzt buchstäblich Hunderte von Wörterbüchern, Dialektstudien und Monographien haben, welche verschiedenen Türksprachen gewidmet sind, ganz im Gegensatz zu der Zeit vor dem Krieg, als — wie ich schon sagte — der Urquell alles Wissens das von Radioff zusammengetragene Material in einem, nebenbei bemerkt, schon total vergriffenen Werk war. Das — wie es sich beinahe von selbst versteht — hauptsächlich von sowjetischen und türkischen Gelehrten zugänglich gemachte Material ist nun schier unermeßlich: sein Studium wird, was ich noch einmal unterstreichen muß, durch solche Handbücher wie das von Eckmann über das Tschagataische ganz beträchtlich erleichtert.

Wer über Turkologie redet und dazu noch hier in Berlin, der kann nicht umhin, auf die Wiedergeburt der Turfanstudien hinzuweisen. Daran besteht überhaupt kein Zweifel: die Turfansammlung bildet einen ungemein wertvollen Schatz für die Altaistik. Sie hat unsere Kenntnisse über die Sprachen und Literaturen sowie über die Geschichte und die Zivilisation Innerasiens unermeßlich bereichert. So ist sie ganz einfach einer der Ecksteine turkologischen Forschens. Weithin reichte der Einfluß der sogenannten „Berliner Schule” der Turkologie, und wir alle, die an ihrer Fortsetzung brennend interessiert waren, beobachteten voller Sorge, wie allem Anschein nach das Interesse für diese Schätze in Berlin erlahmte. Nun, wir würden uns höchstwahrscheinlich nicht hier begegnen, wenn dieser Trend fortbestanden hätte. Zum Glück haben sich die Zeiten gewandelt, und dank der Initiative der Deutschen Akademie der Wissenschaften ist das Studium des Turfanmaterials wieder in vollem Gange. Die Turfanforschungsgruppe der Akademie, die Turkologen, Iranisten und Sinologen vereint, hat es übernommen, diese reiche Goldader restlos auszubeuten. Sie erntet für ihre Initiative unseren ungeteilten Beifall! Die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit, wie sie sich in den „Mitteilungen des Instituts für Orientforschung” niederschlagen oder in den Acta Orientalia Hungarica”, zeigen uns, daß die neue Generation würdig ist, das Erbe von Willy Bang anzutreten. Ich höre, daß Turfan-Texte 11 als eine Gemeinschaftsarbeit von G. Hazai und P. Zieme nun im Druck ist. (Anm. d. Hg.: Diese Arbeit ist als „Berliner Turfantexte I” (Schriften zu Geschichte und Kultur des Alten Orients 3) 1971 im Akademie-Verlag erschienen.) Außerdem erwarten wir von P. Zieme die Bearbeitung zusätzlicher Manichaica.

Nach den Ausführungen über das Studium der türkischen, mongolischen und tungusischen Sprachen scheinen einige Worte über vergleichende altaische Sprachwissenschaft am Platze. Es gibt wohl wenige Themen, die Anlaß geben zu so weitverbreiteten Mißverständnissen. Auch hier erlebte man in den beiden letzten Jahrzehnten Versuche, zusammenzufassen oder wenigstens die Umrisse für eine vergleichende Grammatik des Altaischen zu ziehen. Unter diesen Versuchen ist Ramstedts posthume „Einführung in die altaische Sprachwissenschaft” vielleicht der vollständigste, aber er vertritt eine Forschungs- und Denkweise, die kennzeichnend ist für die Epoche — sagen wir vor dem ersten Weltkrieg. Mehr auf der Höhe der Zeit ist die „Vergleichende Grammatik der altaischen Sprachen I, Vergleichende Lautlehre” von Poppe aus dem Jahr 1960, jedoch leidet sie, wie ich in meinen “Observations on a New Comparative Altaic Phonology” (BSOAS 1963) zeigen mußte, an der Krankheit, wie sie den meisten Werken zu diesem Thema anhaftet: sie will von vornherein eine vorgefaßte Theorie beweisen, anstatt die Fakten zu untersuchen und dann auf ihnen aufzubauen. Sir Gerard Clauson, Gerhard Doerfer und andere haben wertvolle Beiträge zum Problem geliefert. Ich selbst beschäftigte mich in einer Reihe von Artikeln mit verwandten Fragen, so daß ich wohl nicht weiter ins Detail zu gehen brauche. Jeder, der einmal eine Vorlesung über vergleichende altaische Sprachwissenschaft gehalten hat, wird ungeachtet der großen und kleinen Meinungsverschiedenheiten die große Hilfe, welche die “Introduction to Altaic Linguistics” von Poppe (1965) für den Lehrenden bedeutet, dankbar zu schätzen wissen.

Was auf dem Gebiet der altaischen Geschichte, das die meisten Fortschritte verheißt und auch braucht, geleistet wurde und noch zu leisten ist, habe ich noch nicht erwähnt. Der Ausdruck „altaische Geschichte” gefällt mir nicht: einmal beanstande ich einen linguistischen Terminus für historische Zwecke ; zum anderen können wir, und das wiegt noch schwerer, nicht einmal so wichtige Völker sprachlich angliedern wie die Hsiung-nu, die Žuan-žuan, die Hunnen und noch andere.

Schon 1954 habe ich in der ersten Auflage meines “Orientalism and History” den Terminus „Zentraleurasien” in Vorschlag gebracht. Der ist im großen und ganzen genau, wenn auch schwerfällig. Er figurierte auch im Titel meiner «Introduction à l’étude de l’Eurasie Centrale». Im Englischen ist “Inner Asia” ziemlich akkurat; allerdings fielen während einiger geschichtlicher Perioden so notorisch europäische Gebiete darunter wie etwa Ungarn. Dem “Inner Asia” entspräche im Deutschen „Mittelasien”, was z. B. Spuler verwendet. “Central Asia”, „Zentralasien” bliebe dann für das, was die Russen „Srednjaja Azija” nennen. “Inner Asia” hat den Vorzug, Sibirien, dessen Wichtigkeit für unsere Studien immer klarer hervortritt, mit einzuschließen.

Anstatt zu lange bei Terminologischem zu verweilen, wollen wir uns lieber über die Riesenschritte freuen, die die geschichtliche Forschung in den beiden letzten Jahrzehnten gemacht hat. Bartholds Arbeiten bilden vielleicht zum Teil eine Ausnahme, sonst aber gab es vordem keinen wissenschaftlichen Versuch, eine Geschichte von Mittelasien zu schreiben. Wie sehr wir auch die Leistungen solcher Gelehrten wie Marquardt, Minorsky oder gar Pelliot bewundern, sie haben eigentlich doch nur das Material zum späteren Gebrauch des Historikers studiert. Von Minorsky wie auch von Pelliot habe ich entsprechende mündliche Mitteilung. Selten wagte sich einmal einer wie Vladimirtsov an eine historische Monographie, sehr, sehr selten — als erster im 20. Jahrhundert bemühte sich Grousset mit seinem «L’empire des steppes» um eine Synthese.

Die Wendung zum Besseren grenzt ans Wunder. Erwähnen wir unter den Synthesen die glänzenden „Ocerki istorii SSSR”, die „Geschichte Mittelasiens” im von Spuler herausgegebenen „Handbuch der Orientalistik”, und begrüßen wir den von Hambly edierten Band „Zentralasien” in der „Fischer-Weltgeschichte” von 1966, der, von achtbarem wissenschaftlichen Standard, einen Durchbruch bedeutet insofern, als er wirklich ein weites Publikum ansprechen wird.

Nun gibt es auch Synthesen über beschränktere Themen. Zum Glück ist deren Liste zu lang, als daß wir sie hier verlesen könnten. Ein paar Titel willkürlich herausgreifen zu müssen, ist eine ärgerliche Sache. Trotzdem führe ich folgende Beispiele an: die „Istorija Sibiri” I—V (1968—69), die Arbeiten von Dunlop und Artamonov über die Khazaren, die Arbeiten von L. N. Gumilev über die Türken und die Hunnen, die treffliche Monographie über Attila und die Hunnen von E. A. Thompson und die Arbeiten von A. P. Smirnov über die Wolgabulgaren. Es kommt nur wenig darauf an, ob wir mit all den Feststellungen und Interpretationen in diesen Werken übereinstimmen. Sind sich denn etwa die Historiker einig über alle Probleme der römischen Republik? Daß jetzt Geschichte im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt geschrieben wird — darauf kommt es doch an! In den letzten 15 Jahren sind allein über die Uiguren drei gute Bücher erschienen (Hamilton 1955; Pinks 1968; Mackerras 1968). Außerdem weiß ich, daß zwei andere in Aussicht stehen. Welche Wende nach jahrzehntelangem Stillstand! Und da wir nun einmal gerade dabei sind: denjenigen von Ihnen, die es noch nicht wissen sollten, sei gesagt, daß unter meiner Schriftleitung eine “Cambridge History of Inner Asia”, die uns sicherlich weltweite Anerkennung eintragen wird, in Vorbereitung ist!

So ist das Bild, das ich von der Entwicklung unserer Wissenschaft in Linguistik, Philologie, Geschichte usw. gegeben habe, ausgesprochen optimistisch.

Unser Problem, so sehe ich es, ist im wesentlichen ein Problem der “public relations”. Wir sollten, wenn wir nur selbst von der Wichtigkeit unserer Wissenschaft überzeugt sind, auch dazu imstande sein, unsere Umwelt davon zu überzeugen, daß wir Unterstützung verdienen. Daß wir — jeder in seinem Lande und auf seinem Fachgebiet — dieses mit gutem Erfolg erreicht haben, zeigt sich darin, daß wir heute hier zusammensitzen und daß heutzutage, wie ich schon sagte, kein Mangel an Mitteln herrscht, wissenschaftliche Arbeiten zu publizieren. Je energischer und kompromißloser wir die Unabhängigkeit der Altaistik gegenüber anderen orientalistischen Diszijplinen geltend machen, um so mehr Hilfe erhalten wir auch. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.

Als ich 1954 in der Eigenschaft eines Generalsekretärs des 23. Internationalen Orientalistenkongresses zum ersten Mal in der Geschichte dieser Tagungen eine unabhängige altaistische Sektion einrichtete, konnte ich das, was dann Wirklichkeit geworden war, nur erhoffen: eine altaistische Sektion auf allen weiteren Kongressen! Die Schaffung der PIAC durch die Initiative von Prof. Gabain und Prof. Heissig war ein wesentlicher Schritt in die nötige Richtung. Wir dürfen uns aber nicht damit begnügen, den Bekehrten zu predigen. Wer unsere Sitzungen besucht, der ist schon überzeugt, daß das, was wir machen, auch der Mühe wert ist. Wir sollten unseren Einflußbereich erweitern. Auf den Zusammenkünften der American Historical Association, der American Oriental Society und der Association of Asian Studies ist die Altaistik seit mehreren Jahren gut vertreten, nicht nur durch wissenschaftliche Vorträge, sondern auch als ein unabhängiger Wissenszweig. In dieser Hinsicht wäre es von großer Wichtigkeit, wenn unsere Wissenschaft auf dem bevorstehenden 13. Internationalen Historikerkongreß in Moskau (18.—25. August 1970) vertreten werden könnte.

Eine andere wichtige Aufgabe kommt auf uns zu: Mehr altaistische Lehrgänge an den Universitäten einzurichten! Hierbei erwachsen jedem von uns verschiedene Schwierigkeiten, je nach dem Aufbau des höheren Bildungs- systems in den jeweiligen Ländern. Alle in diesem Saale werden mir in folgendem beipflichten: Die Wissenschaftler, welche altaistische Forschung betreiben, reichen gegenwärtig einfach nicht aus, und wir müssen darum sicherstellen, daß immer mehr junge Wissenschaftler in den kommenden Jahren unsere Reihen füllen. Ich habe mein Buch “Inner Asia: History — Civilization — Languages. A Syllabus” (1969), das — soviel ich weiß — den ersten Universitätsleitfaden dieser Art darstellt, veröffentlicht, um neue Kräfte zu werben. Hoffentlich wird die eine oder die andere amerikanische Universität dadurch ermutigt, einen Lehrgang über dieses Gebiet einzuführen. Wir setzen große Hoffnungen darauf, daß die altaischen Länder selbst, also die Türkei, die Mongolische Volksrepublik und die türkischen Sowjetrepubliken auf dem Gebiet der Altaistik so regsam werden wie nur möglich. Denn die Wissenschaftler in diesen Ländern haben die besten Vorbedingungen für Studien gewisser Art, die sich von der Sprache über die Kultur bis zur Literatur erstrecken.

Vergleichende wie historische Studien setzen gut ausgestattete Bibliotheken voraus. Daher nun einige Worte zum Problem „Bücher.” Gegenstandslos geworden ist zum Glück ein derartiges Problem wie das aus der Zeit, da mein mongolischer Unterricht — wie eingangs erwähnt — noch davon abhing, ob Kowalevskis Wörterbuch erreichbar war! Die Technik in “reprints” ist soweit fortgeschritten, daß eigentlich alle wichtigen Werke und sogar viele der weniger wichtigen wieder zu haben sind. Das Zentralantiquariat der DDR spielt da eine nicht geringe Rolle. Die „Proben” von Radloff und die Arbeiten Castrens, die als zwei Beispiele für viele stehen, sind wieder verfügbar. Wir in Bloomington drucken zur Zeit unter anderem folgendes neu: das „Tschuwaschische Wörterbuch” von Ashmarin, „Über die Sprache der Jakuten” von Böhtlingk und die „Keleti Szemle”. Man kann wieder die Arbeiten von Marquart, Barthold, Chavannes usw. Kaufen und, was höchst wichtig ist, die längst vergriffenen Bände der großen Zeitschriften wie «Journal Asiatique», “Journal of the Royal Asiatic Society” usf. — eine lange Liste fürwahr!

Die Mikrofilm-, Mikrofiche-, und Xeroxtechnik erleichtern unsere Arbeit kolossal. Ich sehe die großen Probleme vielmehr in den von uns Altaisten nicht zu behebenden Schwierigkeiten, die der Austausch mit dem Ausland birgt, und in der bibliographischen Information, für die wir Mittel und Wege finden sollten. Immer nährte ich die Hoffnung, daß die PIAC da eine nützliche Rolle spielen könnte. Leider muß ich feststellen, daß wir in dieser Hinsicht versagt haben. Die bestehenden Möglichkeiten sollten — so meine ich — nach wie vor ausgekundschaftet werden. Mehr als einmal haben Dr. Hazai und ich versucht, einen praktischen Plan zu entwerfen.

So könnte ich noch lange aufzählen, was wir geschaffen haben oder nicht, und was wir noch an Aufgaben, Zielen und Wünschen haben. Vieles erfüllt uns zu Recht mit Genugtuung, wenn wir auf den zurückgelegten Weg blicken, so wie ich es heute versucht habe. Aber ruhen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren aus, sondern blicken wir nach vorn! Nach allen Worten und Taten stellen wir immer wieder dieses fest: der Schlüssel zum Wachstum, zu fortschreitender Erkenntnis oder, ganz einfach, zur Zukunft liegt, in der Altaistik wie überall, bei der jüngeren Generation! Neue, ehrliche Wissenschaftler voller Hingabe heranzubilden, bleibe unsere vornehmste Aufgabe. Was nützt uns denn all unser eigenes Wissen, wenn sich nach unserem Tode niemand findet, der die Fackel, die uns entglitt, wieder aufnimmt?