Turkologisches und Osmanistisches in der Reihe “Islamkundliche Untersuchungen”

Turkologisches und Osmanistisches
in der Reihe “Islamkundliche Untersuchungen”

J. Matuz (Freiburg i. Br.)

Die im Klaus Schwarz Verlag zu Freiburg im Breisgau erscheinende Monographienreihe “Islamkundliche Untersuchungen” zählt im vierten Jahre ihres Bestehens schon 24 Bände, die bisher alle als Dissertationen an verschiedenen Universitäten angenommen wurden. Unter diesen 24 Monographien gibt es mehrere solche, die auf das Interesse der Turkologen und Osmanisten Anspruch erheben können.

An erster Stelle möchten wir vier Arbeiten erwähnen, die ihre Themen aus dem Bereich der osmanischen Geschichte entnehmen.

Die 1970 erschienene Arbeit von Elke Eberhard trägt den Titel: Osmanische Polemik gegen die Safawiden im 16. Jahrhundert nach arabischen Handschriften; sie stellt Bd. 3 der Reihe dar. In dieser Arbeit werden fünf polemische Schriften untersucht, die im 16. Jh von osmanischer Seite gegen die Safawiden verfasst worden sind. Neben den in arabischer Sprache abgefassten Streitschriften dienen fünf türkisch geschriebene Fetwas als Quellen. Die von der Autorin im einzelnen dargestellten, gegen die Safawiden erhobenen Vorwürfe erlauben Rückschlüsse sowohl auf die politische und religiöse Einstellung der Osmanen gegenüber dem jungen safawidischen Staat, als auch auf die religiöse Entwicklung Persiens bis zum Sieg der Safawiden und der Erhebung der Schia zur Staatsreligion. Dabei ergibt sich, dass die Osmanen nicht gegen die offiziell in Persien eingeführte Schia polemisiert haben, sondern gegen den speziellen Glauben des safawidischen Herrschers und seiner direkten Anhänger, der Qizilbaš. Da zahlreiche Qizilbaš auch im osmanischen Reich ansässig waren und dort besonders in der ersten Hälfte des 16. Jh. gefährliche Unruhen verursachten, muss in der Polemik gegen ihr geistliches Oberhaupt, den safawidischen Schah, eine primär politische Motivation gesehen werden: Die Polemik diente den Osmanen als Rechtfertigung für ein militärisches Vorgehen gegen die im eigenen Land und auch als Machtpotential im Osten gefährlichen Qizilbaš bzw. Safawiden.

In dem vom Verleger Klaus Schwarz selbst verfassten 7. Bd. der Reihe, Osmanische Sultansurkunden des Sinai-Klosters in türkischer Sprache, werden die bisher nicht erschlossenen Sultansurkunden des Sinai-Klosters in türkischer Sprache veröffentlicht und für weitere Untersuchungen zugänglich gemacht. Die über zweihundert Herrscherurkunden, deren älteste 1510 dates ist, werden in Form von Regesten wiedergegeben. Eine nach inhaltlichen Gesichtspunkten repräsentative Auswahl der Sammlung wird in Faksimile, Transkription und deutscher Übersetzung vorgelegt. Das Material wird in einer kurzen Studie ausgewertet. Dabei stehen historische und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte im Vordergrund. Ein besonderer Abschnitt gilt Problemen der Kopfsteuer (ğizye) im Osmanischen Reich. Da die Sammlung Erzeugnisse der osmanischen Staatskanzlei eines Zeitraumes von etwa 350 Jahren enthält, wurde auch ein kurzer diplomatischer Exkurs unternommen. Dieser Band erschien ebenfalls 1970.

Mit dem 1691-92 verstorbenen berühmten osmanischen Historiographen Hüseyn b. Ğaʿfer, alias Hezārfenn ‘Der Tausendkünstler’, befasst sich Heidrun Wurm im 1971 herausgebrachten Bd. 13 unter dem Titel Der osmanische Historiker Hüseyn b. Ğaʿfer, genannt Hezārfenn, und die Istanbuler Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Hezārfenns Person ist nicht zuletzt deshalb von grossem Interesse, weil er in den osmanisch-europäischen Kulturbeziehungen eine eigenartige Rolle spielte, eine Tatsache, die in seinen Werken erheblichen Niederschlag findet.

Heinrich Georg Baum befasst sich im 1973 erschienenen 24. Band unter dem Titel: Edirne Vakası (Das Ereignis von Edirne) mit dem hochinteressanten, vorerst auf die Janitscharen beschränkten, später allgemeinen Volksaufstand, der 1703 im Osmanenreich entbrannte und die sog. Tulpenzeit einleiten sollte. Baum legt in seiner Arbeit im wesentlichen eine anonyme zeitgenössische türkische Beschreibung der Revolte in arabischer Schrift ediert und in deutscher Übersetzung vor.

Der Geschichte der sog. Turkmenendynastien wendet sich die 1970 erschienene Untersuchung von Marianne Schmidt-Dumont, Turkmenische Herrscher des 15. Jahrhunderts in Persien und Mesopotamien nach dem Tārīḫ al-Ġiyāṯī (Bd. 6), zu. Die von der Verfasserin behandelte Quelle ist in mancher Hinsicht für die Turkologie interessant. Sie ist erstens für die Geschichte der Turkmenen allgemein — einschliesslich einiger Hinweise auf ihre Sitten und Gebräuche — von Bedeutung, wobei einige Passagen sie im Zusammenhang mit den Osmanen darstellen. Nicht minder interessant erscheint uns die kurze Beschreibung des qānūn-nāme Uzun Hasans, wobei im Tārīḫ al-Ġiyāṯī neben dem steuerrechtlichen auch der strafrechtliche Charakter des Gesetzbuches betont wird. Die Geschichte der Dulġadīr-Turkmenen wird in der genannten Quelle ausserdem sehr viel ausführlicher behandelt, als in den arabischen Quellen der Mamlukenzeit. Die Chronik ist ausser dem historischen Interesse auch für die Sprachwissenschaft nicht ohne Bedeutung, u. zw. durch die vielen mongolischen Ausdrücke, die dem Verfasser durchaus geläufig waren, sowie durch ein Fragment in Azeri.

Im Gegensatz zu den oben kurz behandelten Arbeiten, die sich durchweg mit historischen Problemen befassen, ist der Band 11 (erschienen 1971) von sprachwissenschaftlichem Belang. Es handelt sich um die Arbeit von Manutschehr Amirpur-Ahrandjani, Der aserbeidschanische Dialekt von Schahpur. Phonologie und Morphologie. In diesem Werk wird der Versuch erstmalig –m.E. mit vollem Erfolg — unternommen, eine Azeri-Mundart Irans einer strukturellen Untersuchung zu unterziehen, für die — um mit dem Verfasser zu reden — “keine schriftsprachlich fixierte Form mit geregelter Aussprache wie bei Hochsprachen existiert”.

Bei Tunca Kortantamers gründlicher Untersuchung: Leben und Weltbild des altosmanischen Dichters Aḥmedī unter besonderer Berücksichtigung seines Diwans (Bd. 22) wird der Inhalt schon aus dem Titel selbst klar. Hier soll daher nur noch soviel bemerkt werden, dass diese Arbeit vom Schreiber dieser Zeilen in einer Rezension eingehend gewürdigt wird, die in der OLZ demnächst erscheinen soll.

Es seien hier noch zwei Arbeiten erwähnt, deren Themata zwar weder unmittelbar turkologisch noch osmanistisch, die aber trotzdem nicht ganz unerheblich für diese Disziplinen sind. Der erste Band der Reihe, Ulrich Haarmann, Quellenstudien zur frühen Mamlukenzeit, herausgebracht 1970, befasst sich vor allem mit Ibn ad-Dawādārī (ca. 1286 – nach 1336), einem Höfling des Qalawuniden an-Nāṣir Muḥammad, mit dem vielleicht markantesten Vertreter der unter den ersten Mamluken noch sehr kleinen Gruppe in Ägypten bzw. Syrien lebender, aber rein turkstämmiger Chronisten und Literaten, die arabisch schrieben, sich aber ihrer Verbundenheit mit der ersten Muttersprache, dem Kiptschakisch-Türkischen, und dem kulturellen Erbe ihrer Väter gerade in der fremden Umgebung zeitlebens bewusst geblieben sind. Gerade ihm verdanken wir wertvolles kiptschakisch-arabisches Sprachmaterial und bisher kaum beachtete, ins Arabische übersetzte Auszüge aus einem Oġuz-nāme.

Erika Glassen bietet im Bd. 5 der Reihe, Die frühen Safawiden nach Qāḍī Aḥmad Qumī, erschienen 1970, die kritische Edition der frühen Geschichte der Safawiden bis zur Reichsgründung 1501 aus der persischen Chronik Ḫolāṣet ot-tavārīḫ des erwähnten Historiographen nach vier Handschriften, nebst deutscher Übersetzung. Der Edition vorangestellt wird eine eingehende Analyse der persischen narrativen Quellen zu diesem Zeitraum. Es wird deutlich, dass der Kontakt der Safawiden zu den in Anatolien beheimateten turkmenischen Stämmen bereits auf den Gründer der Ṣafavīya, Scheich Ṣafī od-dīn (1252-1334) zurückgeht, dass er jedoch im Laufe der beiden Jahrhunderte stetig enger wird, bis diese turkmenischen Stämme als sog. Qizilbaš dem jungen Ismāʿīl 1501 in Täbrīz zur politischen Macht verhelfen.

Zum Schluss möchten wir hier die Titel der sonstigen bisher erschienenen Bände der Islamkundlichen Untersuchungen aufführen: Bd. 2, Peter Antes, Prophetenwunder in der Ašʿarīya bis al-Ġazālī (Algazel); Bd. 4, Dariusch Bayat-Sarmadi, Erziehung und Bildung im Schahname von Firdousi. Eine Studie zur Geschichte der Erziehung im alten Iran; Bd. 8, Horst-Adolf Hein, Beiträge zur ayyubidischen Diplomatik; Bd. 9, Giselher Schreiber, Der arabische Dialekt von Mekka. Abriss der Grammatik mit Texten und Glossar; Bd. 10, Cherifa Magdi, Die Kapitel über Traumtheorie und Traumdeutung aus dem Kitāb at-taḥrīr fī ʿilm at-tafsīr des Ḍiyāʾ ad-Dīn al-Ġāzirī (7./13. Jh.); Bd. 12, Djalal Khaleghi Motlagh, Die Frauen im Schahname. Ihre Geschichte und Stellung unter gleichzeitiger Berücksichtigung vor- und nach-islamischer Quellen; Bd. 14, Dorothea Krawulsky, Briefe und Reden des Abū Ḥāmid Muḥammad al-Ġazzālī, übersetzt und erläutert; Bd. 16, Peter Antes, Zur Theologie der Schia. Eine Untersuchung des Ğāmiʿ al-asrār wa-manbaʿ al-anwār von Sayyid Ḥaidar Āmolī; Bd. 17, Gertrud Bauer, Athanasius von Qūṣ, Qilādat at-taḥrīr fī ʿilm at-tafsīr. Eine koptische Grammatik in arabischer Sprache aus dem 13./14. Jahrhundert; Bd. 18, Doris Behrens-Abouseif, Die Kopten in der ägyptischen Gesellschaft — von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1923; Bd. 19, Manfred Profitlich, Die Terminologie Ibn ʿArabīs im Kitāb wasāʾil as-sāʾil des Ibn Saudakīn. Text, Übersetzung und Analyse; Bd. 20, Hars Kurio, Geschichte und Geschichtsschreiber der ʿAbd al-Wādiden (Algerien im 13.-15. Jahrhundert). Mit einer Teiledition des Naẓm ad-Durr des Muḥammad b. ʿAbd al-Ğalīl at-Tanasī; Bd. 21, Rudolf Thoden, Abū-l-Ḥasan ʿAlī (Albohacen). Merinidenpolitik zwischen Nordafrika und Spanien in den Jahren 710-752 H./1310-1351; Bd. 23, Samira Kortantamer, Ägypten und Syrien zwischen 1317 und 1341 in der Chronik des Mufaḍḍal b. Abī-l-Faḍāʾil.

(Source: PIAC Newsletter No. 9, April 1974, pp. 6–9)