Die 66. Jahrestagung der Permanent International Altaistic Conference (PIAC), „Around the Altai – regional contributions to the Altaic World“, in Göttingen (30. 6. — 5. 7. 2024)

Source: Bitig Türkoloji Araştırmaları Dergisi, Güz 2024/ 2: 115-128.
Makale Geliş Tarihi: 11.07.2024 – Makale Kabul Tarihi: 26.07.2024


Die 66. Jahrestagung der Permanent International Altaistic
Conference (PIAC), „Around the Altai – regional
contributions to the Altaic World“, in Göttingen (30.6.–5.7.2024)

Michael Knüppel*

* Prof. Dr. Dr., Arctic Studies Center (ASC), Liaocheng University (LCU) / (China). E-Mail: michaelknueppel@gmx.net, ORCID ID: 0000-0002-6348-5100.

Abstract: In the following text a conference report from the 66th annual meeting of the PIAC held in Göttingen is given. The individual conference contributions are each briefly outlined.
Keywords: Conference report, Permanent International Altaistic Conference (PIAC), Annual Meeting.

Özet: Aşağıdaki metinde PIAC’ın Göttingen’de düzenlenen 66. yıllık toplantısından bir konferans raporu verilmektedir. Konferanstaki bireysel katkıların her biri kısaca özetlenmiştir.
Anahtar Kelimeler: Konferans raporu, Permanent International Altaistic Conference (PIAC), yıllık toplantı.

Vom 30. Juni bis 5. Juli 2024 wurde in Göttingen von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek im Verbund mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die 66. Jahrestagung der Permanent International Altaistic Conference (PIAC), die unter dem Themenschwerpunkt „Around the Altai – regional contributions to the Altaic World“ stand, in den Räumlichkeiten der Göttinger Akademie in der Geiststraße 10 ausgerichtet.

Nach einem eher informellen Treffen mit Begrüßung der bereits angereisten Teilnehmer am Sonntag, den 30. Juni, erfolgte am darauffolgenden Tag ‒ nach Erledigung verschiedener Formalitäten, wie der Registrierung ‒ die Eröffnungszeremonie dieser 66. Jahrestagung, die mit einer Begrüßungsansprache der Vizepräsidentin der Georg-August-Universität Inge Hanewinkel, auf welche eben solche des Direktors der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek, Thomas Kaufmann, des Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften, Jens Peter Laut und des Generalsekretärs der Permanent International Altaistic Conference (PIAC), Oliver Corff, folgten, eingeleitet wurde.

Den die Jahrestagung eröffnenden Vortrag hielt der Präsident und Gastgeber der diesjährigen PIAC, Johannes Reckel. In seiner Präsentation „Pictures on stones from the Altai: The centre of the Bronze Age and the Scythian world“ stellte der Referent eine Reihe von bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen Beispielen von Petroglyphen in der Altai-Region aus den erwähnten Epochen vor, wobei zunächst die Gebiete, in welchen sich solche Parietalkunst findet, vorgestellt wurden. Sodann behandelte der Vortragende einerseits bestimmte wiederkehrende Motive (Jagd, Familie, Viehzucht etc.), andererseits aber auch die Interpretationsschwierigkeiten, mit denen die Forschung auf diesem Feld häufig konfrontiert ist. Zudem wurde ausführlicher auf Probleme wie die „Wiederverwendung“ der Steine / Felsen sowie die verschiedenen Kontexte, denen die Darstellungen aus unterschiedlichen Zeiten entstammen, eingegangen. Besondere Aufmerksamkeit galt darüber hinaus der Gefährdung der Bildwerke durch „Vandalismus“ sowie dem Material auf dem sich die Petroglyphen finden. Die Erläuterungen wurden von reichhaltigem Bildmaterial zur Veranschaulichung des Ausgeführten begleitet.

Hierauf folgten die sogenannten „Confessions“, die Bestandteil einer jeden Jahrestagung der PIAC sind und in denen die Teilnehmer ihre abgeschlossenen, laufenden und bisweilen auch geplanten Forschungen vorstellen, womit den Gästen ein Überblick über die Aktivitäten der Anwesenden vermittelt wird. Auf die Verleihung des PIAC Prize for Altaic Studies, kurz „PIAC-Medaille“, mußte in diesem Jahr verzichtet werden, da kein Einzelkandidat, der zugleich auch auf der Jahrestagung zugegen war, bestimmt werden konnte.

Wie es Brauch ist, wurde auch auf dieser Jahrestagung der verstorbenen PIAC-Mitglieder gedacht, wobei in diesem Jahr der Heimgang zweier Mitglieder zu beklagen war: des Turkologen János Hóvári, der am 6.8.2023 verstarb und der Mongolistin Uta Schöne, die am 7.4.2024 verschieden ist.

Gefolgt wurden die „Confessions“ von der 1. Sektion „Inner Asia: History and culture“, die mit dem Vortrag von Barbara Kellner-Heinkele (Berlin), „Tibet and its Chagathay neighbours according to the eyewitness account of Mirza Haydar Dughlat“, eröffnet wurde. In dem Beitrag stellte die Referentin die Tibet und Ladakh betreffenden Passagen aus dem Ta’rīḫ-i Rašīdī des Mīrzā Muḥammad Ḥaydar Dūġlāt (1499/1500-1551) vor. Waren diese Regionen zur Zeit der ‘Abbāsiden in der islamisch geprägten Welt noch weithin bekannt, so entschwanden sie spätestens im Zuge der mong. Eroberungen weitgehend aus dem Wahrnehmungshorizont und es traten eher vage Vorstellungen an die Stelle tatsächlicher Kenntnisse. Das Ta’rīḫ-i Rašīdī bildete in dieser Beziehung eine bedeutsame Ausnahme im 16. Jh. Im Vortrag wurden die betreffenden Ausführungen des Autors, immerhin eines Augenzeugens, in einen geradezu „ethnographischen“ Kontext gestellt und entsprechend gewürdigt.

Auf den Vortrag von B. Kellner-Heinkele folgte der Beitrag von Uli Schamiloglu (Astana, Nazarbayev University, University of Wisconsin-Madison) „The origin of the Ulus Emirs revisited“, der hier einen Überblick über seine eigenen früheren wie auch aktuellen Forschungen zur Institution eines „Kollektivgremiums“ nicht-čiŋγisḫānidischer Würdenträger in den Staaten des mong. Weltreichs im 13. und 14. Jh., welchem die Verwaltung des Staates oblag, jedoch auch anderer Autoren, gab. Hierbei nahm der Referent kritisch Stellung zu einigen Annahmen von E. L. Keenan Jr. und Christopher Atwood, wobei vor allem die Erwägungen des Letzteren zum Problem der Entwicklung der Institution der Ulus-Emire erörtert wurden.

An diesen wiederum schloß der Beitrag von Christine Bell (Berlin) „The Parthian shot and its curious impact on fashion“, in dem die Referentin die kulturhistorische Wirkung des „parthischen Schusses“, der bei den reiternomadischen Kriegern des Steppengürtels und darüber hinaus entgegen der Reitrichtung mit dem Bogen rückwärtsgewandt abgegeben wird, an. Hierbei folgte C. Bell den Spuren des „parthischen Schusses“ von der „Rhetorik“ (eigentlich einer Metapher aus dem englischen Sprachraum, die eine bei Verlassen einer Szenerie abgegebene Bemerkung, welche eine folgende Diskussion ohne den sich Entfernenden bezeichnet) bis hin zur an der Kleidung der reiternomadischen Krieger „orientierten“ Mode.

Sándor Papp (Department of Altaic Studies, Faculty of Humanities and Social Sciences, University Szeged) behandelte in seinem Vortrag „A Divan interpreter’s Inşâ-Book and its place in the Ottoman and Hungarian historiography“ Leben und Werk des im 17. Jh. wirkenden ungarischstämmigen Dolmetschers des Divans und Renegaten Zülfikar Efendi, vor allem aber auch dessen Kopierbuch (Inşa-Buch). In letzterem hatte dieser osman. Beamte die in seinem Besitz befindlichen Dokumente (etwa Briefe und Urkunden) gesammelt, aber auch Auszüge aus historischen Werken eingeflochten, um die von ihm zusammengetragenen Schriftstücke in einen historischen Kontext zu setzen. Das Kopierbuch des Zülfikar Efendi, das sich in zwei Manuskripten bewahrt hat, ist das einzige osmanische Werk seiner Art und eine bedeutende historische Quelle des Osmanischen Reiches.

In ihrem Beitrag „About place names in Kazakhstan“ ging Shynaray Burkitbayeva (Al-Farabi Kazakh National University, Almaty) den Problemen der historischen Toponymie in Kasachstan am Beispiel des Ortsnamens Belšer (eine Siedlung, die zum Dorf Nura im Bezirk Irgiz im Gebiet Aktobe gehört) nach. Auf einige Ausführung zur Toponymie in Kasachstan allgemein wandte sich die Referentin dem Namen zu, wobei sie die unterschiedlichen Deutungen durch die Bewohner des Ortes und deren Nachbarn (nahezu allesamt Volksetymologien, die den Terminus mit naturräumlichen Gegebenheiten in einen Zusammenhang bringen) vorstellte. Nach Ansicht der Vortragenden handelt es sich bei genauerer Musterung der historischen Ereignisse in der in Frage stehenden Region bei dem Terminus wohl um ein Lehnwort aus dem Mongolischen.

Funda Güven (Nazarbayev University, Astana) behandelte in ihrem Vortrag „Women and their voices in the Book of Dede Korkut“ zunächst die Bedeutung des Buches von Dede Korkut, das bekanntlich unter vielerlei Aspekten betrachtet wurde, hinsichtlich seines Einflusses auf die Vorstellungen zur Konstruktion von Familienbanden und Geschlechterrollen. Rezente Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen und normen haben auch zu einer neuerlichen Befassung mit denselben in volkstümlichen türkischen Werken geführt, was beinahe zwangsläufig die Frage nach der Rolle von Frauenfiguren auch in von männlichen Mitgliedern der Gesellschaft verfaßten oder vorgetragenen Werken aufgeworfen hat. Im Vortrag versuchte die Referentin einerseits die in den vergangenen Jahren geführten Debatten um die Rollenmerkmale der Frauen im Buch von Dede Korkut nachzuzeichnen, andererseits aber auch die widerstreitenden Annahmen anhand von Belegen aus dem Text zu beleuchten.

In dem Beitrag von Narbibish Shamuradov Shammayeva (Turkmenabat) „The imagery of Turkmen idioms based on myths“ betrachtete die Referentin die Widerspiegelung der Prinzipien der Erziehung auf der Grundlage der traditionellen moralischen Ideale der turkmenischen Gesellschaft, wobei sie auf Märchen, Sprichwörter, Redensarten und Spruchweisheiten, aber auch Texte von Gedichten turkmenischer Poeten wie Makhtymkuli und Dovletmamet Azadi einging. Ausführlich wurde in dem Vortrag die Vermittlung der Werte an die Kinder und Jugendlichen behandelt und die Bedeutung der verschiedenen Überlieferungen, die sich in der Literatur ebenso spiegeln wie in der Folklore, betont und zahlreiche Textbeispiele gegeben.

Die 2. Sektion „Around the Altai“ wurde am 2. Juli mit dem Beitrag von Alsu Shamsutova (Department of Russian Language and Literature, Faculty of Letters, Selcuk University, Konya), „The image of Umai in Altai and Tatar ornaments“, eingeleitet. Hierbei wurde zunächst auf die kulturhistorische Bedeutung von Ornamenten bei den Turkvölkern allgemein eingegangen, bevor sich die Referentin dem Umay-Motiv und dessen Umsetzung in der Kunst der Altaier und Tataren im Besonderen zuwandte. Einerseits wurde in dem Beitrag das Motiv in der Folklore und Mythologie und andererseits seine bildliche Umsetzung (z.B. auf Teppichen und Textilien, Kleidung und Einrichtungsgegenständen) behandelt, wobei A. Shamsutova die Verbindungen zwischen den Tataren der Volga-Region und den Türken Südsibiriens betonte.

Michal Schwarz (Department of Mongolian, Korean and Vietnamese Studies Masaryk University, Brno) gab in seinem Vortrag „Altai in ancient southern connections“ einen Überblick zunächst über seine zwischen 2006 und 2015 in Xīnjiāng durchgeführten Feldforschungen und wandte sich dann im Besonderen den Ergebnissen der Untersuchungen hinsichtlich der sich im Laufe der Zeit infolge klimatischer Einflüsse, Verschiebungen von Machtverhältnissen und ethnolinguistischer Zusammenhänge gewandelten weitreichenden Beziehungen und Bedingungen der Kontaktsituationen zwischen den Oasenstädten entlang der Seidenstraßen zu.

In ihrem Beitrag „Russian territorial expansion and the patterns of traditional colonization in the Altay region: A comparative analysis“ ging Kinga Szálkai (Budapest) zunächst der Frage nach, ob es sich bei der Expansion des Russischen Reiches um Kolonialismus handelte oder nicht. Eine Diskussion, in der sich Fragen hinsichtlich historischer Narrative und Machtverhältnisse spiegeln. Anschließend an diese eher allgemeinen Überlegungen ging die Referentin der Frage nach, inwiefern die territoriale Expansion mit dem Kolonialismus anderer europäischer Mächte vergleichbar ist und welche Widersprüche die akademischen Debatten über die Anwendbarkeit von Kolonialismuskonzepten auf die russischen Verhältnisse nach sich gezogen haben.

Synaru Kadyrovna Alymkulova (Institute of History, Social and Law Education Kyrgyz State Arabaev University, Bishkek) behandelte in ihrem Beitrag „The cradle is the source of beauty (the meaning of the cradle among peoples in the Altai world)“ die Rituale und Bräuche, die in einem Zusammenhang stehen mit dem Einlegen des Neugeborenen in die Wiege. Diese lassen sich von der Antike bis in unsere Zeit nachverfolgen und spielen in der Vorstellungswelt und dem Lebenszyklus der kirgisischen Nomaden noch heute eine bedeutsame Rolle. Anhand reichen Bildmaterials, aber auch zahlreicher sprachlicher Belege wurde von der Referentin die Bedeutung der Wiege in der kirgisischen Kultur und für das Kind aufgezeigt.

Im anschließenden Vortrag „Kazakhs living in the Altai mountains – research on the language of Kazakh repatriates to Kazakhstan“ gingen Saule Tazhibayeva (L.N. Gumilyov Eurasian National University, Astana), Irina Nevskaya (Institute of Empirical Linguistics, University of Frankfurt, Institute of Philology, Siberian Division, Russian Academy of Sciences) und Sholpan Zharkynbekova (L.N. Gumilyov Eurasian National University, Astana) ausführlich auf die Problematik der kasachischen „Rückkehrer“ in ihr „Heimatland“ ein, wobei zunächst die Situation der kasachischen „Diaspora“ ‒ in 40 Ländern, darunter Rußland, Usbekistan, Afghanistan, Mongolei, Türkei, Deutschland und China ‒ skizziert wurde, bevor auf die historischen Hintergründe (vor und nach der Unabhängigkeit im Jahre 1991) eingegangen wurde. Die größten Gruppen der „Rückkehrer“ stammen aus China und der Mongolei und spielen heute eine bedeutsame Rolle bei der Revitalisierung der kasachischen Bräuche und der Sprache, die in der Sowjetunion jahrzehntelang unterdrückt worden war. Im Vortrag wurde vor allem auch die Situation der „Rückkehrer“ in ein ihnen bisweilen fremdes Umfeld untersucht.

Die 3. Sektion, „Siberia“, wurde mit dem Beitrag von Anna V. Dybo (Institute of Linguistics, Moscow), „Building a low level genealogical tree based on ordered rules: Divergence and convergence among the Turkic dialects of Southern Siberia“, eingeleitet. In dem Beitrag ging die Referentin zunächst auf die Probleme der unterschiedlichen Darstellungs- resp. Erklärungsmodelle für Veränderungen sprachlicher Phänomene ein und wies im Besonderen auf „Innovationen über die Idiomgrenzen hinweg“ hin, wobei die Modelle anhand einer Vielzahl von erhobenen Daten aus dem altaischen Raum erläutert wurden.

Im anschließenden Vortrag von Peter Zieme (Berlin), „tag arıg ‒ mountains and forests in Old Uighur literature“, wurden verschiedene alt-uigurische Bezeichnungen für Berge / Gebirge vorgestellt und bisherige etymologische Deutungen anhand von Belegen aus dem alt-uig. Schrifttum besprochen.

Catherine Alice Vollgraff Crowther (Paris) behandelte in ihrem Beitrag „Forgotten fragments from Semipalatinsk once held by Giessen University Library“ die tibetischen und mong. Manuskripte, die im 18. Jh. in Semipalatinsk sowie im Ablaikit, der Ruine eines buddhistischen Klosters, das in den Kalmückenkriegen zerstört wurde, geborgen wurden. Diese Materialien haben ihren Weg in verschiedene Sammlungen Europas gefunden. Zu den bislang bekannten Manuskripten traten nun weitere, die die Referentin 2021 aus dem Nachlaß von Joseph Nicolas Delisle in den französischen Nationalarchiven identifizieren konnte. Zudem konnten zwei Fragmente als zu den Materialien aus den Oiraten-Klöstern von Semipalatinsk und Ablaikit stammend bestimmt werden: diese befanden sich einst im Besitz der Universitätsbibliothek Gießen. Obwohl die Manuskripte im II. Weltkrieg verloren gegangen sind, haben sich Reproduktionen einiger Zeilen erhalten, die im Vortrag vorgestellt wurden.

Beschlossen wurde die Sektion mit dem Vortrag von Michael Knüppel (Arctic Studies Center, Liaocheng University), „The historical language records of Yakut at the turn of the 18th and 19th centuries and their significance for the historical-comparative lexicography of Yakut“, in dem auf die jakutischen Materialien dieser Zeitstellung eingegangen wurde, wobei hier zunächst der zeitlichen Rahmen (Materialien, die zwischen dem Erscheinen des Wörterbuchs Katharina II. d. Gr. und der „Asia Polyglotta“ J. (v.) Klaproths zusammengetragen resp. publiziert wurden, bevor sich der Referent ‒ stellvertretend für andere Aufzeichnungen ‒ den Materialien von J. Redowsky, M. Sauer und C. H. Merck zuwandte sowie auf die Schwierigkeiten der Bearbeitung und Auswertung (etwa der Zunahme des russischen Lehnguts in dieser Zeit oder den sich allmählich herausbildenden jakut. Dialekten) verwies.

Die folgende 4. Sektion, „Turkic languages and cultures“ wurde eröffnet mit dem Beitrag von Marcel Erdal (Berlin), „On the transcription of Indo-European and Chinese loans in Old Uyghur“. Im Vortrag wurde auf Transkriptionsprobleme des AltUigurischen hingewiesen und dabei zunächst das Problem der Verwendung von <y> für /i/, /e/ und /ı/ sowie die Transkription von <i> und <e> anstelle von /y/ oder /ı/ angesprochen. Anhand einer Reihe von Beispielen wurde aufgezeigt, was sich aus der Tatsache ergibt, daß Chinesisch, Sanskrit und Tocharisch B über Diphthonge verfügten, das Alt-Uigurische hingegen nicht. Zudem wies der Referent darauf hin, daß von der vorderen Harmonie bei Entlehnungen aus iranischen Sprachen nicht ausgegangen werden kann, wenn die Prototypen kein /i/ hatten.

Im anschließenden Beitrag von László Károly (Department of Linguistics and Philology, Uppsala University) und Guglielmo Zucconi (Institute of Iranian Studies, Austrian Academy of Sciences), „A Turkic medical treatise from the 17th century Central Asia“, wandtten sich die Referenten der medizinischen Literatur aus dem Umfeld der nord-čiŋγisḫānidischen Dynastien (also den Abū’l-Ḫayriden, Aštarḫāniden und ‘Arabšāhiden) zu. Das Hauptaugenmerk galt freilich dem Manāfi‘ al-Insān des Abū’l-Ġāzī Bahādur Ḫān, dessen Leben hier ebenso skizziert wie das Werk beschrieben wurde, wobei zunächst auf Struktur und Inhalt des Manāfi‘ al-Insāns eingegangen, anschließend die nicht unumstrittene Autorenschaft an diesem Schriftzeugnis, dessen Edition durch die Referenten gerade vorbereitet wird, erörtert wurde.

Zeki Kaymaz (Bornova-İzmir) behandelt in seinem Vortrag „Das El-İdrâk Haşiyesi und seine Bedeutung für die türkische Sprachgeschichte“ das in der Veliyyüddin Efendi-Abteilung der Bayezid Public Library in Istanbul befindliche Examplar des Kitāb al-İdrāk li-Lisān al-Atrāk, welches unter dem Titel Al-İdrāk Hašiyesi von Velet İzbudak ediert wurde. In dieser Edition war allerdings nur der Wörterbuchteil des Werkes (arabisch-türkisches Wörterbuch), nicht hingegen sind die Grammatik- und Textbestandteile sowie die beigefügten Glossen berücksichtigt worden, was bislang einer systematischen Auswertung im Wege stand. Die Bedeutung des Werkes für die türkische Sprachgeschichte wurde vom Referenten betont und die Ausführungen hierzu anhand von Textbeispielen aus dem Werk verdeutlicht.

In seinem Beitrag „Remains of older Turkic languages preserved in the Amdo Region“ stellte Hans Nugteren (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen) Ergebnisse seiner Untersuchungen der Idiome des sogenannten Amdo-Sprachbundes im GānsùQīnghǎi-Gebiet vor. Bei den hier in vielfältigen Kontaktsituationen miteinander verbundenen Sprachen, die sich hinsichtlich der Lexik, Grammatik und Phonologie gegenseitig beeinflussen, handelt es sich einerseits um mongolische Sprachen, wie das Ost-Jugurische, das Monguor (Tu) und das Dōngxiāng (Santa), andererseits um Turksprachen, wie das Salarische und West-Jugurische. Gerade die mong. Idiome weisen türk. Lehngut auf, welches nicht aus den heute benachbarten Sprachen stammt. Die mögliche Herkunft dieser Lehnwörter wurde vom Referenten im Beitrag behandelt.

Betül Özbay (Istanbul Medeniyet University Department of Turkish Language and Literature) ging in ihrem Vortrag „Inheritance rights of woman in Turfan civil documents“ auf die Reflektion von Erbrechtspraktiken und Erbrechten von Frauen in altuigurischen zivilen wie auch juristischen Dokumenten ein. In der Präsentation wurden zunächst allgemeine Ausführungen zur Bedeutung von Erbschaftsgesetzgebung im Rahmen der Zivilisationen gegeben, bevor die Referentin zu selbiger in der frühen türkischen Gesellschaft, die sich zunächst einmal grundsätzlich in einer patriarchalischen Struktur darstellt und in welcher die Weitergabe von Familienvermögen und eigentum primär in der männlichen Linie erfolgte, überging. Im Anschluß hieran wurde dann auf die alt-uigurischen Dokumente (Verträge, Testamente etc.) eingegangen und verschiedene Beispiele zur Beleuchtung des Erbrechts von Frauen in der frühen türkischen Gesellschaft angeführt.

In ihrer Präsentation „Allusion and intertextuality in Magtymguly’s poems – lost in translation?“ behandelte Gulshen Sakhatova (University of Cyprus, Georg-AugustUniversität Göttingen) Konzepte der Anspielung und Intertextualität in den Gedichten des großen turkmenischen Dichters Magtymguly (1724–1790?). Die Werke Magtymgulys wurden in zahlreiche Sprachen übertragen (frühe Übersetzungen von Texten erfolgten bereits durch Á. Vámbéry im Jahre 1879), wobei zumeist ein Bestreben bestand, das Versmaß beizubehalten. Im Vortrag ging die Referentin zunächst der Frage nach, ob es ausreichend ist nur die eher „technischen“ poetischen Züge des Originals zu berücksichtigen, da sich in den Gedichten Magtymgulys zahlreiche Einflüsse aus dem persischen und arabischen literarischen Erbe spiegeln. Darüber hinaus versuchte die G. Sakhatova eine Klassifizierung der Anspielungen und intertextuellen Konzepte in Magtymgulys Gedichten vorzunehmen.

Sultan Tulu (Muğla) behandelte in ihrem Beitrag, „About the newly discovered Bursa manuscript of the Dede Korkut Book“, ein neu entdecktes Manuskript dieses für das Verständnis der Geschichte der Oghusen bedeutenden Literaturwerkes. Das in Bursa im Februar 2022 aufgefundene Exemplar des Werkes wurde erstmals von E. Ersoy auf einem Symposium, das von der Mimar Sinan Fine Arts University 17.3.2022 organisiert und ausgerichtet wurde, vorgestellt. In ihrer Präsentation wurden von S. Tulu zunächst die verschiedenen bislang bekannt geworden Manuskripte des Werkes beschrieben, bevor die Referentin auf die sich aus der angestrebten Edition ergebenden Möglichkeiten z.B. für Korrekturen bisheriger Lesungen etc. skizzierte.

In dem Vortrag „On the completion of the Old Uyghur Altun Yaruk Sudur text according to Chinese and Mongolian texts“ von Hacer Tokyürek (Erciyes University, Faculty of Letter, Turkish Language and Literature, Kayseri) stellte die Referentin die Möglichkeiten der Ergänzungen des alt-uigurischen Suvarṇaprabhāsa-sūtras aus chin. und mong. Texten dar. Die bislang vollständigste Fassung des uig. Textes bildet das St. Petersburger Manuskript dieses wichtigen Zeugnisses buddhistischer Literatur, das in eine Vielzahl von Sprachen übertragen wurde. In ihrer Präsentation gab H. Tokyürek einen Überblick sowohl über die Übersetzungen als auch über den Bestand der uig. Übersetzungen (es liegen Fragmente aus 65 uig. Fassungen des Textes vor), bevor sie sich dem Ziel der laufenden Arbeiten an diesem Text, einige der fehlenden Wörter und Zeilen im Altun Yaruk Sudur auf der Grundlage der chin. und mong. Versionen zu ergänzen, zuwandte.

Liu Ge (Xi’an; Shaanxi Normal University, China) gab in ihrem Vortrag „V. V. Radlov’s Uyghur alphabet studies“ zunächst einen Überblick über Leben und Werk Wilhelm Radloffs, bevor sie sich dem Problem der Umschrift der uig. Schrift (allerdings auch der sogd. Schrift sowie eines syrischen Alphabets) in Radloffs Wörterbuch, allerdings auch seiner verschiedenen uiguristischen Arbeiten, zuwandte. Neben den Besonderheiten der Umschrift, welche Radloff für das Uig. verwendete und welche im Beitrag im Detail vorgestellt wurden, schenkte die Referentin auch dem Einfluß, den diese auf die Arbeiten folgender Generationen von Turkologen hatte, einige Aufmerksamkeit.

In seinem Beitrag „Social semiotics and linguistic functions of Turkish social media: A study of #hashtag usage“ untersuchte Fırat Başbuğ (İstanbul Medeniyet University) die soziale Semiotik und die sprachlichen Funktionen von Hashtags in türkischen sozialen Medien anhand der Fallstudien #akademikzam (akademische Erhöhung), #fileninsultanları (Sultane des Netzes) und #kızılcıkşerbeti (Preiselbeersorbet), wobei darauf abgezielt wurde, das komplexe Zusammenspiel zwischen sozialen und sprachlichen Bedeutungsbildungsprozessen im Kontext türkischer sozialer Medien zu analysieren. Hierbei galt die Aufmerksamkeit des Referenten der Funktion von Hashtags als multimodaler Zeichen zur Übermittlung von Botschaften, Gestaltung sozialer Interaktionen und Konstruktion kollektiver Identitäten innerhalb der türkischen Social-Media-Welt.

Olga Lundysheva (Leiden University Centre for Linguistics) und Anna Turanskaya (Institute of China and Contemporary Asia, RAS, Moscow) berichteten in ihrem Beitrag „In search of kšanti: unknown Old Uyghur confession tradition“ zunächst über die alt-uig. Beichtpraxis, die sich nicht auf die Geistlichkeit beschränkte und sowohl bei den Manichäern als auch bei den Buddhisten verbreitet war, bevor sie zu Erörterungen hinsichtlich der alt-uig. Beichttexte übergingen. Im Besonderen wandten sich die Referentinnen dann zwei unlängst entdeckten, bislang unbekannten Bekenntnistexten, die in der Serindia-Sammlung des IOM, RAS (St. Petersburg), gefunden wurden, zu. Diese zeigen Ähnlichkeiten mit deutlich älteren tocharischen Texten, was die Frage nach möglichen tocharischen Einflüssen auf die alt.-uig. Traditionen aufwirft.

Im letzten Beitrag der Sektion, dem von Andreas N. Waibel (Kazan Federal University) gehaltenen Vortrag „Alleged case stacking in Chuvash and other enigmata“, belegte der Referent, daß es sich beim Čuvašischen nicht um eine atypische oder sonstwie „extrem abweichende“ Turksprache handelt. Im Besonderen ging A. N. Waibel hier auf eine fragwürdige Feststellung J. R. Kruegers zur Kombination von Kasussuffixen im Čuvašischen ein und zeigte weitere Fehlinterpretationen in der Literatur hinsichtlich der Einschätzung der Sprache auf.

Am Abend des 2. Juli fand das sogenannte „Business meeting“, auf welchem das Erscheinen der Tagungsakten vergangener Jahrestagungen sowie der aktuellen Veranstaltung besprochen, das Nominierungskomitee für die Verleihung der „PIAC-Medaille“ auf der kommenden Jahrestagung gewählt sowie der Austragungsort eben dieser Tagung bekannt gegeben wurden (Junko Miyawaki-Okada hat bei dieser Gelegenheit die Teilnehmer zur 67. Jahrestagung, vom 26.-30.8.2025, in das Rinri Institute of Ethics am Fuji eingeladen), statt.

Die Jahrestagung wurde im Anschluß an eine Bibliotheksbesichtigung sowie eine Exkursion nach Hannoversch Münden am 4. Juli mit der 5. Sektion „The world and languages of the Mongols and Manchu“ fortgesetzt. Den Auftakt hierzu bildete der Beitrag von Adengga (Hohhot / Ulanbaatar) „A comparative study between the seal symbols (tamga) of the Huns and Mongolian Banner Sülde“, in welchem ausführlicher auf Aspekte der Religion der Mongolen, hier Ahnenkult und kosmologische Vorstellungen, eingegangen wurde. Den Bogen spannte der Referent sodann von den hunnischen [sic] und mong. Tamgas bis zu den Anfängen der mong. Schrift- und Schreibkultur, wobei vor allem die Brāhmī-Inschriften ausführlicher behandelt wurden.

Batujirigala (Ordos, Otog Banner) behandelte in dem Vortrag „Ordos rock paintings“ die Felsmalereien der Ordos-Region, hauptsächlich im Gebiet der Albas-Berge des Etok-Banners. Hierbei wurde auf die Publikation gleichen Titels, in dem nahezu 2.000 Beispiele für Felsmalereien, von denen rund 600 aus dem Albas-Gebirge stammen, behandelt sind, verwiesen. In diesen Beispielen der Parietalkunst spiegeln sich vor allem die Lebenswelt der vormaligen Bevölkerungen, die Jagd, die religiösen Vorstellungen sowie die Viehwirtschaft. Allerdings zeigen die Felsmalereien in den Albas-Bergen auch chinesische Schriftzeichen, türkische Runenschrift und sogar tibetische Schriftzeichen.

In dem Vortrag von Solongγod L. Qurčabaγatur (Cologne), „Das Alphabet der mongolischen Brāhmī-Schrift und die Inschrift von Khüis Tolgoi (HT1)“, wurden zunächst die Forschungen zu den „nicht-indischen“ Brāhmī-Schriften vorgestellt. Zu diesen zählt auch die des Steppengürtels in ihrer Anwendung auf das Mongolische, welche in der Präsentation ebenso dargestellt wurde wie die Grammatik der Sprache der Khüis Tolgoi-Inschrift.

Orçun Ünal (Göttingen) behandelte in seinem Beitrag „A re-evaluation of the vocabulary of the Khüis Tolgoi and Bugut inscriptions with an emphasis on Turkic loan words“ die Sprache der bekannten Inschriften von Bugut und Khüis Tolgoi, wobei er zunächst auf die Forschungen von Alexander Vovin, Mehmet Ölmez, Dieter Maue und Étienne de la Vaissière einging und einige problematische Interpretationen A. V. Vovins besprach. Zu nennen sind hier vor allem die eindeutig türkischen Entsprechungen, die für rund ein Drittel des Wortschatzes der Inschriften bestehen, was Fragen hinsichtlich der Zugehörigkeit der Sprache der beiden Monumente aufwirft.

In seinem Vortrag „Corrigenda to earlier reconstructions of Middle Mongolian data from Sino-Mongolian glossaries“ lieferte Ákos Bertalan Apatóczky (Károli Gáspár Református Egyetem, Budapest) einige Korrekturen zu einem seiner größeren Projekte resp. bereits veröffentlichten Studien zu zweisprachigen sino-mongolischen Glossaren, wobei verschiedene seiner früheren Rekonstruktionen zum Lexikon des Běilǔ yìyǔ 北虜譯語 revidiert werden konnten. Zwar ändern diese Korrekturen nichts an den Feststellungen hinsichtlich der Stellung des Mittelmongolischen, jedoch war es möglich, verschiedene bislang nicht entzifferte Wörter zu deuten und einige falsche Lesungen zu korrigieren.

Enkhsuvd Bayarsaikhan (Ulaanbaatar / Bonn) ging in dem Beitrag „A study on the lexical frequency in Mongolian primary sources of the 13th to 14th century“ den Sprachkontakten der mongolischen Sprachen nach, wobei das Hauptaugenmerk der Untersuchung der Lexik des 13. bis 14. Jh.s und hier der Häufigkeit von Vokabeln sowie lexikalischen Klassifizierungen galt. Gestützt wurde die Analyse auf mehr als 270 mong. Primärquellen in verschiedenen Schriften. Darüber hinaus wurden Worthäufigkeiten und semantische Vergleiche, an denen sich die Art der historischen Beziehungen der Mongolen ablesen lassen, ermittelt. Ein Ergebnis hierbei war, daß das häufigste Vokabular aus den Sphären des alltäglichen Lebens stammt, während Vokabular mit Bezug zur Religion nicht zu finden war.

In ihrer Präsentation „Zud and educational opportunities in Mongolia“ behandelte Ines Stolpe (Bonn) zunächst die mong. Identität vor dem Hintergrund des Nomadentums, bevor sie sich der Frage des Umganges mit konkreten Problemen desselben in unserer Zeit am Beispiel der Zud-Katastrophe des Jahres 2024 zuwandte. Hierzu wurden die Ereignisse der Katastrophe sowie die Reaktionen verschiedener sozialer Gruppen auf diese beschrieben, wobei mittels Diskursanalyse die Ansichten hinsichtlich der mobilen Viehwirtschaft in der postsozialistischen Mongolei herausgearbeitet wurden. Gerade den Bildungseinrichtungen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, sind diese doch traditionell mit dem Pastoralismus in der Mongolei verbunden.

Saitô Yoshio (Tokyo), Yurong und Maekawa Kikuo gingen in ihrem Referat „Partial decay of vowel harmony in Modern Eastern Mongolian“ der Frage nach der Palatalität der Vokalharmonie im Ostmongolischen nach. Diese ist, wie von den Vortragenden ausgeführt, umstritten. Ausführlich wurden die Möglichkeiten einer phonologischen Neubestimmung durch die Artikulationsposition (hier der Zungenwurzel) als Kriterium vorgeschlagen, wofür MRT-Aufnahmen zur Formung der Vokale im BārinDialekt herangezogen wurden.

In ihrem Beitrag „Cardinal points and spatial / temporal orientation systems in Mongolic languages“ betrachteten Ilya Gruntov (Institute of Linguistics Russian Academy of Sciences) und Olga Mazo (Tel Aviv University) die Grundprinzipien der Orientierung in mong. Sprachen und Dialekten, die sich auch in den Benennungen der Himmelsrichtungen widerspiegeln und ihre Grundlage in der Richtung des Betretens der Jurte haben (von Süden, dann ist Süden = vorn; von Osten, dann ist Osten = vorn). Selbst die Termini für „rechts“ und „links“ sind bisweilen mit den Himmelsrichtungen verbunden (oder fehlen). Von den Referenten wurde hier zugleich aufgezeigt, daß auch Einflüsse, etwa aus dem Chinesischen, einen Einfluß zeigen.

Kyoko Maezono (Jena) stellte in ihrem Beitrag „Chinese loanwords in Mongolian, Manju and Japanese“ die wechselseitigen Lehnbeziehungen zwischen dem Chinesischen und dem Mongolischen und Manǯu einerseits und dem Chinesischen und Japanischen andererseits vor. Der wesentliche Unterschied besteht hier darin, daß die mong. und manǯur. Schrift eine phonograph. Schrift darstellen, die chin. und japan. hingegen logographische Systeme sind, die Entlehnungen also durch die verschiedenen Schriftsysteme bedingt werden. Dies geht soweit, daß aus dem Japan. sogar Lehngut (etwa aus dem Engl.) in diesem logographischen System ins Chin. entlehnt werden.

In dem Vortrag von Antje Ziemer (Staatsbibliothek zu Berlin), „Crossing borders: The library exchange between the Mongolian People’s Republic and the German Democratic Republic (1949-1990)“, behandelte die Referentin die Zusammenarbeit zwischen der Mongolischen Volksrepublik und der DDR im Bereich der Informationsvermittlung und des Büchertauschs im Bibliothekswesen. Die Beziehungen zwischen der Deutschen Staatsbibliothek (DSB) und der Nationalbibliothek der Mongolischen Volksrepublik wurden bereits 1949 aufgenommen und über Jahrzehnte hinweg weitergeführt. Im Vortrag wurden Mechanismen dieser Beziehungen skizziert und die Bestände der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB), als der Nachfolgeinstitution der DSB, dargestellt.

Julie Pauline Marie Lefort (Centre de recherches linguistiques sur l’Asie orientale, Paris) ging in ihrem Beitrag „At the edge of Altaic and Chinese worlds: Chinese borrowed verbs in Dongxiang Mongolian“ den verschiedenen Formen der aus dem Chin. entlehnten Verben im Dōngxiāng-Mong. nach. Dōngxiāng ist von den anderen mong. Sprachen isoliert und vom sinit. Línxià (~ Hézhōu) beeinflußt. Zwar wurde das Lehngut < Chin. inzwischen untersucht, die entlehnten Verben jedoch vernachlässigt. Im Beitrag nun wurden diese näher beleuchtet und vor allem auch Derivationssuffixe, die zusammen mit den entlehnten einsilbigen Verben benutzt werden (hauptsächlich –ʥi, –ji, –da und –la), behandelt. Hierbei warf die Referentin die Frage auf, ob diese Verben als „zweisprachige Verben“ gewertet werden können.

In dem Beitrag „For the Japanese translation of the Biography of Zaya Pandita“ stellte Miyawaki-Okada Junko (Tōyō Bunko, Tokyo) die in den 1690er Jahren in der Dsungarei verfaßte Biographie von Zaya Pandita sowie die heutigen Studien zu diesem bedeutenden Literaturwerk vor. Ausführlich wurde in der Präsentation die Biographie des Verfassers des Werkes, Gelong gsol-dpon Radnabhadra, der 1648 das ojratische Alphabet oder todorkhoi uzuq („klares Alphabet“) schuf, beschrieben. Wie die Referentin ausführte, wird seit 2022 einmal im Monat ein Online-Treffen zur Forschung an der Biographie des Zaya Pandita in Japan, mit dem Ziel der Erarbeitung einer Edition, abgehalten.

Hiroyuki Nagamine (Oyama College) befaßte sich in dem Vortrag „The TurcoMongolian tradition in the later Jochid historiography: What did they refer to?“ mit der Untersuchung der türkisch-mongolischen Tradition in der Geschichtsschreibung des späten Ulus Joči. M. Dobrovits hatte diese Tradition gelegentlich in fünf Stufen eingeteilt: (1.) Pulad Chingsangs Originalversion, (2.) Rašīd ad-Dīns Ǧāmi‘ at-tawārīḫ, (3.) Ḥamdallāh Mustaufīs Ta’rīḫ-i guzīda, (4.) Šaraf ad-Dīn ‘Alī Yazdīs Ẓafarnāma und (5.) „die Späte Goldene Horde“. Im Einzelnen wurde im Vortrag den Fragen nach dem Verhältnis der Werke zueinander sowie genealogischen Problem und schließlich dem Wolfs-Motiv nachgegangen. Abschließend wurde festgestellt, daß die Geschichtsschreibung des späten Ulus Joči die türk.-mong. Tradition übernommen hat und sich hier zudem verschiedene Traditionen vermischten.

In seinem Vortrag „Sanskrit loanwords in Uighur-Mongolian script texts“ ging Mehmet Ölmez (Istanbul University) den sanskritischen Lehnwörtern, die über das Alt-Uig. ins Mong. gelangt sind, nach. Die Entlehnungen ins Mong. erfolgten dabei in drei möglichen Phasen: (1.) in einer frühen, weitgehend unbekannten Periode, (2.) in der Zeit vor der mong. Reichsgründung (6.-12. Jh.) und (3.) vom 13. Jh. an. Die Lehnwege vom Sanskrit ins Uig. wiederum bestanden ebenfalls aus drei Möglichkeiten: (1.) Mong. < Uig. < Chin. < Skr., (2.) Mong. < Uig. (< Toch.) < Skr. u. (3.) Mong. < Uig. < Sogd. < Skr.

Uyanga (School of Mongolian Studies, Inner Mongolia University, Budapest) behandelte in dem Vortrag „Proverbs as a window: The case of multilingual textbooks of the Qing dynasty“ zunächst die Einführung der als 合璧 hebi (Man. kamcime Mon. qabsurγaγsan / qadamal) bezeichneten mehrsprachigen Parallelschrift, die einer effektiveren Kommunikation dienen sollte. Als Folge hiervon entstanden auch Konversationslehrbücher mit der Intention, das Verständnis und die Anwendung der manǯurischen Sprache zu fördern. Diese wurden in zweisprachiger Parallelschrift mit Manǯu und Chinesisch, Manǯu und Mongolisch oder Mongolisch und Chinesisch sowie in dreisprachiger Parallelschrift mit Manǯu, Mongolisch und Chinesisch verfaßt und enthielten eine Vielzahl von Sprichwörtern und Redewendungen. Im Beitrag wurden diese Sprichwörter untersucht.

In seinem Vortrag „The first European translation of the Jin Ping Mei (1869)“ stellte Hartmut Walravens (Berlin) die Übersetzung und Bearbeitung des Jin Ping Mei durch Hans Conon von der Gabelentz (1807-1874) vor. Das Manuskript der Übersetzung der Manǯu-Version dieses Werkes war erst vor einigen Jahren von Martin Gimm wiederentdeckt worden. Der Wert dieser Übertragung / Bearbeitung sowohl für die chinesische als auch die manǯurische Literatur wurde in dem Beitrag gewürdigt und die inzwischen durch den Referenten erarbeitete monumentale Edition des Werkes
vorgestellt.

Ding Shiqing und Guo Weishi (Jiangsu Normal University, Minzu University of China; Peking) erörterten in ihrem Beitrag „The hierarchical view of the relationship between Daur and Manchu in the Qing dynasty“ die vielgestaltigen zwischen den Dauren und Manǯu bestehenden Beziehungen. Mit dem Beginn der Qīng-Dynastie setzte auch eine Neugestaltung dieser Beziehungen, die zuvor schon bestanden haben, ein. Aufgrund der primären Existenzgrundlagen sowie der reiternomadischen Tradition auch der Manǯu existierten zwischen den beiden Gruppen kulturhistorische Übereinstimmungen, die diese Beziehungen bestimmten. Allerdings fanden die Beziehungen in der Folgezeit auch eine Reflektion im Bildungswesen (z.B. Schulen und Literaturhäuser), die auch zu einer Beeinflussung der daurischen Sprache geführt hat.

In dem Vortrag „Emperor Qianlong’s poetry on the revolts in Taiwan“ stellte Sherman Han (Hawai’i) die Widerspiegelung der Unterdrückung der Aufstände auf Taiwan in den Jahren 1787 und 1788, die als eine der „Zehn großen militärischen Errungenschaften“ des Kaisers Qiánlóng (乾隆; reg. 1735–1796) gilt, in dessen Gedichten dar. Der Herrscher hatte eine Vielzahl von Gedichten, in denen dieser Sieg glorifiziert wurde, verfaßt. Diese Texte lassen sich, wie der Referent ausführlich darlegte, inhaltlich in drei Kategorien einteilen: (1.) Beobachtungen zu den Kämpfen der Feldherren gegen die Aufständischen, (2.) militärstrategische Erwägungen hinsichtlich des Vorgehens der Aufständischen und (3.) subjektive Wahrnehmungen des Kaisers zu den einzelnen militärischen Aktivitäten.

Enkhbat Munkhtsetseg (Ulaanbaatar) behandelte in dem Vortrag „The contribution of Manchu researchers in Mongolia to the development of Altaic studies“ die Entstehung und den Fortgang der Manǯuristik in der Mongolei, die sich dort erst im 20. Jh. als wissenschaftliche Disziplin herausgebildet hat, obgleich es zu dieser Zeit bereits eine jahrhundertelange Befassung mit der Sprache gegeben hatte. Diese jedoch war ausschließlich aus praktischen Erwägungen erfolgt und bestand überwiegend aus Übersetzungstätigkeiten und der Anfertigung von Wörterbüchern und Handbüchern für die täglichen Bedürfnisse. Seit dem 20. Jh. jedoch ist eine Ausweitung der Befassung mit der manǯurischen Sprache und Kultur auch auf Geschichte und Literatur erfolgt und es werden diese heute auf einer wissenschaftlichen Grundlage untersucht und entsprechende Studien von verschiedenen Einrichtungen betrieben (Mongolische Akademie der Wissenschaften, Staatliche Universität der Mongolei, Pädagogische Universität der Mongolei und Nationales Zentralarchiv der Mongolei).

Wie Kao Hsiang-tai (Paris) in dem Beitrag „Differential subject and object marking in Manchu“ feststellte, bildet die Manǯu-Linguistik noch immer nur ein relativ kleines Teilgebiet der Manǯuristik. An die Präsentation auf einer der vorausgegangenen Jahrestagungen, auf der über die postpositionalen nominalen Kasusmarker und die Ellipse mit dem Genitiv und dem Akkusativ referiert wurde, anschließend, waren im diesjährigen Beitrag die nominalen Kasusmarker und die verbale Konjugation Gegenstand der Darstellung Kao Hsiang-tais.

Am Rande der Konferenz wurde auch eine Würdigung zweier Persönlichkeiten, die der PIAC in besonderer Weise verbunden waren, vorgenommen: einerseits durch Peter Zieme eine solche Annemarie v. Gabains (4.7.1901-15.1.1993), die am 4. Juli ihren Geburtstag gefeiert hätte, und andererseits durch Barbara Kellner-Heinkele die Ehrung von Zeynep Korkmaz (*5.7.1921), die am letzten Konferenztag ihren 103. Geburtstag feiern durfte.

Begleitet wurde die Jahrestagung von einem Programm, das u.a. am 3. Juni einerseits in der Besichtigung des historischen Gebäudes der Niedersächsischen Staatsund Universitätsbibliothek Göttingen (einschließlich des heute zu dieser gehörenden sogenannten „Kollegiengebäudes“ und der Paulinerkirche) sowie der Einsichtnahme in die Bestände der Göttinger orientalischen Manuskripte (darunter des berühmten „Vocabularium Sibiricum“) und andererseits dem Besuch der historischen Altstadt von Hannoversch Münden mit seinem nahezu intakten spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ensemble sowie der benachbarten Tillyschanze bestand. Am letzten Konferenztag, am 5. Juli, wurde der „Neubau“ der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek besucht, wobei die Teilnehmer ältere Druckerzeugnisse aus Zentralasien (u.a. Zeitungen) einsehen konnten.

Die Tagung war sowohl hinsichtlich der Qualität der Beiträge und des Austauschs zwischen den Teilnehmern als auch in organisatorischer Beziehung ein großer Erfolg. Insgesamt fanden sich zu dieser 66. Jahrestagung 57 Teilnehmer aus 15 Ländern (China, Deutschland, Frankreich, Israel, Japan, Kasachstan, Kirgistan, Mongolei, Niederlande, Rußland, Tschechische Republik, Türkei, Turkmenistan, Ungarn und Vereinigte Staaten) ein. Für die Organisation und die Ausrichtung gilt der Dank aller Teilnehmer dem Präsidenten dieser Tagung, Johannes Reckel, seinen Mitarbeitern „vor Ort“ sowie dem Generalsekretär Oliver Corff.