Über die Mongolistik in der DDR

From Berlin, Dr. Hans-Peter Vietze wrote in February 1968:

Über die Mongolistik in der DDR

Das Zentrum der Mongolistik in der DDR ist die Abteilung für Mongolistik am Ostasiatischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Diese Abteilung besteht gegen­wärtig aus 5 Mitarbeitern, die neben der Ausbildung von Studenten, durch die sie sehr in Anspruch genommen sind, die beiden folgenden Themenkomplexe bearbeiten:

  1. Theoretische und praktische automatische Ab­arbeitung der modernen mongolischen Sprache.
  2. Der nichtkapitalistische Entwicklungsweg der Mongolischen Volksrepublik.

Am 1. Themenkomplex arbeiten z. Z. Herr Herwig Zeuner und ich selbst, wobei wir bei den praktischen Computer­arbeiten von Herrn Dr. Mater unterstützt werden. Im Druck bzw. in Vorbereitung sind folgende Arbeiten:

  1. Vietze, Mater, Zeuner; Rückläufiges Wörterbuch zu Manghol un Niuca Tobca’an (Geheime Geschichte der Mongolen) – in Druck.
    Hierbei handelt es sich um unsere erste Computer-Arbeit, die ursprünglich nur experimentellen Character haben und zur Vorbereitung eines umfangreichen Datenverarbeitungsprojectes (Nr. 5, 8, und 7) dienen sollte. Wir haben uns jedoch zur Veröffentlichung entschlossen und die tabellierte Liste im Juni 1987 beim VEB Verlag Encyklopädie in Druck gegeben.
  2. Vietze: Eine Definition des mongolischen Wortes (mit Mitteln der Mengentheorie und Mathematischen Logik) — in Druck.
  3. Vietze: Strukturtheorie des Wortes und seiner Kompo­nenten (am Beispiel der mongolischen Sprache) — in Druck.
  4. Vietze: Eine mengentheoretische Noematikonkonzeption – in Vorbereitung.
    Die Arbeiten Nr. 2, 3, und 4 erscheinen in der Zeit­schrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunicationsforschung.
  5. Deutsch-Mongolisches Wörterbuch.
  6. Rückläufiges Wörterbuch der modernen mongolischen Sprache.
  7. Graphendistribution der modernen mongolischen Sprache.
    Die letzten drei Arbeiten werden mit Hilfe ein und desselben Lochkartenmaterials von ca. 60.000 Einhei­ten automatisch hergestellt. Die Vorbereitungen für diese Arbeiten sind abgeschlossen. Mit der Speicher­ung der Daten (zunächst auf Lochstreifen) wurde begonnen.

Am Themenkomplex “nichtkapitalistischer Entwicklungsweg” arbeiten Frl. Renate Bauwe und Frl. Uta Rättig. Fr. Bauwe behandelt dieses Thema unter soziologischen und Frl. Rättig unter historischen Gesichtspunkten.

Neben diesen Schwerpunktthemen ist noch ein Lehrbuch der mongolischen Sprache in Arbeit (Autoren : Vietze, Zeuner), bei dessen Abfassung wir von unserer mongolischen Gast­lehrkraft, Herrn Professor Daschzeden, auf das tatkräftig­ste unterstützt werden. Das Lehrbuch geht im Juli 1968 beim VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig in Druck.

Die Herausgabe einer mongolischen Chrestomatie, die Herr Professor Daschzeden plant, is z. Z. noch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden.

In Leipzig arbeitet Frau Dr. Erika Taube an ethnologischen Untersuchungen der Tuwiner, die auch mongolistisch von grossem Interesse sind.

Unsere emeritierten Altmeister Prof. Dr. Ratchnevsky, Berlin, und Prof. Dr. Schubert, Leipzig, nehmen nach wie vor am Institutsleben regen Anteil. Das wohl am meisten erwartete Werk, an dem Prof. Dr. Ratchnevsky gegenwärtig arbeitet, ist der 2. Band seines “Code de Yüan”, der 1969 in Paris erscheinen soll. Ausserdem wird in der Tamula-Festschrift ein Artikel Prof. Ratchnevskys Uber das Levirat in der Gesetzgebung der Yüan-Zeit erscheinen, der bereits in Druck ist. In Vorbereitung hat Herr Prof. Ratchnevsky einen weiteren Aufsatz Uber die Informationen Rashid-ed-Dins über China.

Herr Prof. Schubert arbeitet in Leipzig an der Auswertung seiner Expeditionsergebnisse. Ausserdem plant er die Ver­öffentlichung aller seiner Mongolei-Notizen, für die er die hübsche Überschrift “Paralipomena mongolica” gefunden hat.

Auch Herr Prof. Dr. Weller ist der Mongolistik nich untreu geworden. Er verwendet z. Z. mongolische Texte für seine buddhologischen Untersuchungen. Zu späteren Plänen bezüg­lich einer rein mongolistischen Arbeit wollte sich Prof. Weller nicht äussern, er bestritt die Möglichkeit eines derartigen Vorhabens jedoch keineswegs.

(Source: PIAC Newsletter No. 3, September 1968, pp. 9–10)